IG BCE 2030+
Der Weg zum Zukunftskongress

So viel ist sicher: Die kommende Dekade bringt für die IG BCE Herausforderungen satt. Um bestmöglich für den Wandel in Industrie und Gesellschaft gerüstet zu sein, stellen wir uns einfach heute schon das Jahr 2030 vor: In Szenarien, die beschreiben, wie die Welt dann aussehen könnte. Mit dem Ziel, frühzeitig passende Strategien und Werkzeuge zu entwickeln.

Stell dir vor, wir schreiben das Jahr 2030 und . . . Und? Ja, was eigentlich? Trotz rasanten technischen Fortschritts bleiben Zeitreisen bis auf Weiteres ein Wunschtraum – und Blicke in die Zukunft entsprechend vage. Gewiss ist dennoch: Die weiteren Aussichten sind fordernd. Auf die IG BCE und ihre Branchen kommen etliche Herausforderungen zu, von denen einige schon heute wuchtig auf Gesellschaft und Arbeitswelt durchschlagen und auch in der Gewerkschaftsarbeit neue Handlungsnotwendigkeiten offenbaren. Eine industrielle Transformation neuen Ausmaßes – und damit verbundene Risiken sozialer und wirtschaftlicher Verwerfungen – ist einer der zentralen Entwicklungen, die die Branchen der IG BCE und ihre mehr als 600 000 Beschäftigten sicher über die kommende Dekade hinaus intensiv fordern werden. Das Zusammenspiel von demografischem Wandel (einhergehend mit Fachkräftemangel) und Digitalisierung (einhergehend mit steigenden Arbeitsanforderungen und erhöhtem Fachkräftebedarf) ist eine andere Großbaustelle, die weit in die Zukunft hinein zu bearbeiten sein wird. Ebenso die Frage, wie sich Gute Arbeit und Verteilungsgerechtigkeit unter steigendem internationalen Wettbewerbsdruck realisieren lassen werden. Hinzu kommen Entwicklungen wie abnehmende Tarifbindung, wachsende Skepsis gegenüber Institutionen (Parteien, Kirchen und auch Gewerkschaften) sowie eine massive Verschiebung der Parteienlandschaft und der politischen Kräfteverhältnisse.

Darüber hinaus gibt es jedoch etliche weniger naheliegende, aber dennoch wahrscheinliche Szenarien, die die Zukunftsgewerkschaft IG BCE im
Blick behalten muss, um langfristig gestaltungsfähig zu bleiben: Etwa ein weiter steigendes Innovationstempo, das Beschäftigte abzuhängen droht. Oder eine Zuspitzung des gesellschaftlichen Klimas bis hin zu einem Punkt, an dem sich ein tragfähiger Konsens zwischen unterschiedlichen Interessengruppen kaum noch herstellen lässt. Einen vernünftigen Kompromiss, den etwa die Strukturwandelkommission in Bezug auf die Braunkohlenreviere gefunden hat – und der mindestens ebenso wichtig in Bezug auf eine industrielle Transformation sein wird, damit diese zugleich klimagerecht, sozial verantwortlich und wirtschaftlich vernünftig ausfällt.

Um kommende Herausforderungen frühzeitig "auf dem Zettel" zu haben und entsprechend vorausschauend Werkzeuge und Handlungsmöglichkeiten entwickeln zu können, erarbeitet die IG BCE derzeit Szenarien, die beschreiben, wie die Welt sich bis in die 2030er-Jahre entwickeln könnte. Szenarien, die ganz bewusst in verschiedene Richtungen gehen, damit eine möglichst große Breite an potenziellen Herausforderungen in den Blick genommen werden kann. Die Frage dahinter: Was kann die IG BCE, was können Ehren- und Hauptamtliche in Zukunft tun, um auch unter schwieriger werdenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen wesentliche gewerkschaftliche Errungenschaften wie Gute Arbeit, Mitbestimmung und eine solidarische Gesellschaft zu sichern? Und: Welche neuen Handlungsfelder werden sich zukünftig für die IG BCE ergeben, welche Zielgruppen rücken dabei in den Fokus?

Das Ergebnis dieses Prozesses wird auf einem Zukunftskongress am 12. und 13. November in Essen vorgestellt. Nach dem Kongress sollen die fertiggestellten Szenarien als Diskussionsgrundlage in Betrieben und Gremien dienen – denn dort soll im nächsten Jahr intensiv mit den Szenarien gearbeitet werden, um gemeinsam robuste Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Erarbeitet wurden die Szenarien anhand ausführlicher Recherchen, wissenschaftlicher Analysen und unter Beteiligung von Mitgliedern und Beschäftigten aus allen IG-BCE-Branchen.

So beschrieben im Frühjahr dieses Jahres 225 Betriebsräte, Hauptamtliche, Funktionäre und Mitglieder aller Altersgruppen in umfassenden Online-Befragungen ihre Einschätzungen kommender Herausforderungen und Handlungsfelder für die IG BCE. In 30 mündlichen Interviews gaben ehren und hauptamtliche IG-BCE-Mitglieder sowie betriebliche und wissenschaftliche Experten zudem ausführliche Zukunftsprognosen ab. Mit Unterstützung der Industriegruppensekretäre wurden zwölf branchenbezogene Zukunftsausblicke erstellt. In acht Zukunftsworkshops in den IG-BCE-Landesbezirken und einer derzeit laufenden Spätsommertour durch diverse Betriebe wurden (und werden) zu ersten Herausforderungen aus den Szenarienentwürfen schließlich die Einschätzungen und Anregungen von Haupt- und Ehrenamtlichen vor Ort gesammelt.

"Der Szenarienprozess ist durchaus detailliert und zeitintensiv – aber das mit voller Absicht", erläutert der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis das Vorgehen. "Denn uns ist wichtig, dass möglichst viele Engagierte auf allen Ebenen der IG BCE mitgenommen werden, mitdenken, mitdiskutieren. Gern mutig über gewohntes gewerkschaftliches Handeln hinaus." Wenn eine lebendige, demokratische Organisation wie die IG BCE in herausfordernden Zeiten ihre Zukunft anpacke, bedürfe es ganzer Leidenschaft. "Und die braucht Mut und Gedankenfreiheit!", betont der IG-BCE-Vorsitzende. Judith Nolten-Bertucco, Betriebsratsvorsitzende von BASF Services Europe, lobt die Offenheit des Prozesses – und die Tatsache, dass die IG BCE kommende Herausforderungen schon frühzeitig adressieren will: "Viele der Fragen, die wir über die Szenarien diskutieren, stellen sich heute schon ganz konkret im Betrieb", betont Nolten-Bertucco. Schließlich habe eine tief gehende Transformation viele Branchen längst erreicht. "Dass wir verantwortungsvoll in die Zukunft denken und vorausschauend Handlungsstrategien entwickeln, schafft Vertrauen in gewerkschaftliche  Gestaltungsmacht – und gibt mir im täglichen Gespräch mit den Kollegen gute  für die IG BCE", sagt die Betriebsratsvorsitzende.

Thomas König, JAV-Vorsitzender bei Bionorica, freut sich, dass die Szenarien nach dem Kongress als Arbeitsmittel für eigene Veranstaltungen in Betrieben und Gremien zur Verfügung gestellt werden: "In vielen unserer Branchen spielen sich gerade entscheidende Entwicklungen mit schwer absehbarem Ausgang ab. Umso wichtiger, dass möglichst viele Beschäftigte mitgenommen werden und dabei helfen, die Weichen für eine gute Zukunft der IG BCE zu stellen", meint der 21-Jährige. Recht hat er, denn genau das ist es, was eine Organisation ausmachen sollte, die sich "Zukunftsgewerkschaft" nennt.

IG-BCE-Spätsommertour