Vertrauensleutewahlen
Ganz im Vertrauen

In diesem Jahr wird gewählt: Die Belegschaften von fast 1000 Betrieben der IG-BCE-Branchen küren ihre neuen Vertrauensleute. Und legen damit einen wichtigen Grundstein für die Gewerkschaftsarbeit der nächsten Jahre. 

Kampagne zur Vertrauensleutewahl 2020
Foto: © IG BCE

Dies könnte eine Geschichte über Zahlen sein: Zum Beispiel diese: Der kleinste Vertrauenskörper umfasst nicht mehr als sieben aktive Frauen und Männer. Die ganz großen – so in der Chemie – kommen auf über 1000 Mitglieder. Ein arg vereinfachender, aber griffiger Durchschnittswert besagt, dass auf gut 20 Wahlberechtigte eines Betriebes eine Vertrauensfrau oder ein Vertrauensmann kommen. In über 950 Betrieben gibt es derzeit Vertrauenskörper mit bundesweit 17 000 gewählten Vertrauensleuten.

Zahlen sind ab Anfang März dieses Jahres in der Welt der Vertrauensleute (VL) besonders wichtig. Bis Ende Oktober wählen die IG-BCE-Mitglieder in den Betrieben ihre neuen Vertrauensleute. Die Frist ist eigens verlängert worden, um angesichts der aktuellen Corona-Krise genug Zeit zu haben, die Wahlen durchführen zu können.

Zahlen sind nicht alles. Niemand gibt seine Stimme einer Zahlenmaschine. Sondern Menschen. Denise Gutermann hat einen Job als Chemielaborantin bei Evonik in Hanau. Außerhalb der Arbeit erklimmt sie dann und wann Felswände. Einen Teil ihrer Freizeit aber nutzt sie für gewerkschaftliches Engagement. Für Jugend- wie für Frauenthemen. Und als Vertrauensfrau in ihrem Betrieb. Da geht es ihr wie den Zigtausenden anderen Vertrauensleuten: Sie sind für ihr Engagement nicht freigestellt. Eine Wahlperiode hat Gutermann bereits hinter sich. Sie kandidiert erneut. Aus Überzeugung. "Im Grunde weiß jeder, dass Gewerkschaften wichtige Arbeit machen", sagt sie.

Aber was bedeuten gewerkschaftliche Themen und Projekte letztendlich für jeden einzelnen Beschäftigten? Wer wüsste das besser als Vertrauensfrauen und -männer, die mittendrin sind im Betriebsalltag. "Denise, ich verstehe den Tarifvertrag nicht." Fragen wie diese hört Gutermann oft.

Entgelttransparenzgesetz, Urlaubsansprüche, Folgen der Digitalisierung – das und mehr sind Themen, die Beschäftigte bewegen. Es sind Themen, die auch über den einzelnen Betrieb hinausgehen. Weil sie, beispielsweise bei Flächentarifverträgen, anderenorts verhandelt werden. Und Industriegewerkschaften diskutieren all das auch in der Bundespolitik. Vertrauensleute wie Gutermann sprechen darüber auf betrieblicher Ebene. Von Mensch zu Mensch.

Rund 200 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gehören dem Hanauer Evonik-Vertrauenskörper an. "Wir sind gut vernetzt. Auch weil wir versuchen, in jedem Bereich Vertrauensleute zu haben", sagt Gutermann. Das, was eine Industriegewerkschaft wie die IG BCE auf Bundesebene auf die Agenda setzt, kommt durch Einzelgespräche, Versammlungen oder gezielte Plakataktionen direkt beim Beschäftigten an. Jüngst erfand Gutermann ein Spiel. Zwei Gummienten im Wettstreit, wer als Erste ins Ziel eines Spielbrett gelangt. Eine Figur unterlag puren gesetzlichen Rahmenbedingungen aus der Arbeitswelt; folgte also Mindeststandards. Die andere profitierte zusätzlich von gewerkschaftlich ausgehandelten Vorteilen. Und war schneller am Ziel. Das ist eine spielerisch-anschauliche Variante dessen, was VLs tagtäglich in den Betrieben leisten.

Vertrauensleute sind seit Jahrzehnten wichtiger Bestandteil der betrieblichen Mitbestimmung. Ihre Rolle als Scharnier zwischen Gewerkschaft und Beschäftigten wird künftig noch wichtiger; auch das ist ein Ergebnis des Zukunftskongresses "Perspektive 2030+" der IG BCE im vergangenen November.

Job für die Bezirke: Damit VLs ihre Arbeit tun können, bekommen sie von den zuständigen IG-BCE-Bezirken Unterstützung. Im Hamburger Bezirk koordiniert das Gewerkschaftssekretärin Henrike Rauber. Sie berät die Vertrauenskörper in 34 Betrieben. Die Beschäftigten in zwei weiteren Unternehmen wählen erstmals Vertrauensleute. Oft ist ein konkreter Anlass wichtig, der die Beschäftigten mobilisiert. In einem Chemiebetrieb, der jetzt frisch einen Vertrauenskörper wählt, ging es zuletzt unter anderem um einen neuen Haustarifvertrag. So etwas führt zu Fragen bei den Arbeitnehmern. Fragen, die auch aus gewerkschaftlicher Sicht eine Antwort brauchen. "Bei der Wahl geht jeder Gewerkschaftssekretär in die Betriebe, für die er oder sie zuständig ist", sagt Rauber. Das Ziel sind transparente und basisdemokratische Wahlen.

Der Hamburger IG-BCE-Bezirk hat verschiedene Formate entwickelt, um die Vertrauensleute zu vernetzen. Da sind einerseits Diskussionsrunden zu betrieblichen Themen. Auf der jährlichen VL-Tagung bringt der Bezirk alle Vertrauenskörper aus seiner Region zusammen. Die Tagung im vorigen Jahr befasste sich – mit Fokus auf die damals noch bevorstehende Europawahl – mit dem Schwerpunkt Solidarität und Demokratie. Workshops zu Themen wie Teilzeitbeschäftigung und Digitalisierung begleiteten die Veranstaltung.

Wahl mit großer Wirkmacht: Den bundesweiten Blick auf die VLWahl hat Michael Porschen, Fachsekretär in der IG-BCE-Abteilung Arbeits- und Betriebspolitik. In den vergangenen Monaten war er viel in den Bezirken unterwegs. Nach den Wahlen für Betriebsräte, Schwerbehindertenvertretungen (SBV) sowie für die Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) ist die Kür der Vertrauensleute der nächste wichtige Schritt im Turnus der betrieblichen Mitbestimmung. Bei Evonik Hanau gibt es gut 25 Betriebsräte und rund 200 VLs. Und dort wird traditionell eine enge Zusammenarbeit gepflegt. "Wir unterstützen uns gegenseitig", berichtet Vertrauensfrau Gutermann. Der Betriebsrat vertritt im Unternehmen sämtliche Beschäftigte aus allen Bereichen. "Sein Handlungsspielraum ist auf den Betrieb konzentriert", sagt Porschen. Vertrauensleute erweitern diesen Spielraum um gewerkschaftlichen Aspekte. Je enger Vertrauenskörper und Betriebsräte zusammenwirken, desto größere Wirkung erzielen sie für die Beschäftigten.

Vertrauensleute haben auch Einfluss auf die Besetzung von Tarifkommissionen. Und sie diskutieren mit ihren Kolleginnen und Kollegen über ganz praktische Dinge. Vertrauensleute sorgen dafür, dass Anliegen und Verbesserungsvorschläge wiederum auf der Tagesordnung der IG BCE landen. Unter anderem in Form von Anträgen zum 7. Ordentlichen Gewerkschaftskongress 2021. Auch die Kongressdelegierten werden unter Einbindung der VL-Gremien gekürt. Die Delegierten wiederum wählen den ehrenamtlichen und geschäftsführenden IG-BCE-Vorstand, der in den vier Jahren darauf die Entwicklung der Industriegewerkschaft vorantreibt.

Gewerkschaftsarbeit wird umso erfolgreicher je mehr Belegschaften sich für die Wahl von Vertrauensleuten entscheiden. Auch nach dem offiziellen Wahlzeitraum können Betriebe ohne Vertrauenskörper jederzeit einen solchen ins Leben rufen. Ihr Mandat üben die Gewählten dann bis zum nächsten Wahlzeitraum aus; also bis 2024. Letztendlich aber entscheiden nicht Zahlen über Erfolg und Misserfolg, sondern die Vertrauensleute selbst mit ihrem Engagement und ihren Projekten.


Weitere Informationen

Vertrauensleutewahl.de

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