Revision im Kernkraftwerk Grohnde
"Ohne Energie würde alles zusammenbrechen"

Einmal jährlich muss in einem Kernkraftwerk (KKW) eine Revision durchgeführt werden, vergleichbar mit dem TÜV beim Auto. Eine Prüfung, bei der kotrolliert wird, ob alles funktioniert und bei der die Brennelemente ausgetauscht werden. Das KKW geht dafür vom Netz. Ein riesiger Aufwand und ein aufwändiges Prozedere, bei dem die Beschäftigten des von PreussenElektra betriebenen KKWs in Grohnde in der Nähe von Hameln normalerweise von mehreren hundert externen Facharbeitern aus ganz Deutschland unterstützt werden. In Zeiten von Corona ist das undenkbar, die Revision aber unbedingt notwendig, um das hohe Sicherheitsniveau des Kraftwerks aufrechtzuerhalten. Denn das wiederum ist für die Versorgungssicherheit in Deutschland notwendig.

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Foto: © IG BCE/Markus Köpp

„Die Energieversorger werden in der jetzigen Zeit oft vergessen. Ohne Energie würde alles zusammenbrechen. Kein Krankenhaus, kein Beatmungsgerät würde ohne Strom funktionieren“, betont der Betriebsratsvorsitzende Kai Diesing. „Auch wir tragen mit unserer Arbeit dazu bei, die Corona-Krise zu bewältigen.“

Normalerweise wird eine Revision ein halbes Jahr geplant. „Jetzt mussten wir die gesamte Planung mal eben so, innerhalb weniger Tage, komplett umschmeißen: Ein Kraftakt für die insgesamt 300 eigene und rund 200 externe Mitarbeiter, die sowohl vor Strahlung als auch vor Infektionen geschützt werden müssen. Das ist eine doppelte Herausforderung“, erklärt Diesing, der sich seit zehn Jahren im Betriebsrat engagiert und seit vier Jahren Vorsitzender ist. 

Normal ist bei dieser Revision nichts: Mehrere zusätzliche Corona-Auflagen müssen erfüllt werden, weniger Personal darf in das Kraftwerk hinein und dementsprechend länger dauert die Revision. Die Zahl der externen Monteure wurde auf etwa ein Viertel begrenzt. Für sie gelten besondere Regeln: „Am Ostersonntag, als die Revision startete, haben wir hier kurzerhand, mit der Unterstützung eines langjährigen Dienstleisters, einen Container für einen Versorgungsshop mit Ravioli, Toilettenpapier und Co. aufgestellt, damit die Ortsfremden nicht in den normalen Supermärkten einkaufen müssen und dadurch der Kontakt mit der lokalen Bevölkerung reduziert wird“, berichtet Diesing.  Die Externen essen außerdem separat, in einem extra dafür aufgestellten Zelt auf dem Gelände, nicht in der Kantine. 

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Eine Revision wie diese hat Frank Loges noch nicht erlebt, nicht in 42 Jahren Betriebszugehörigkeit. Der 59-Jährige hat seine Ausbildung bei dem Kraftwerksbetreiber absolviert und ist seitdem geblieben. Er leitet das Labor der Wasseranalytik.  Sein Team und er entnehmen zum Beispiel Proben aus dem Kühlwasser des Wasser-Dampf-Kreislaufs und untersuchen dieses nach Inhaltsstoffen: Enthält das Wasser Verunreinigungen? Sind ausreichend Schutzchemikalien vorhanden? In der Revision sind sie besonders gefordert: „Die Systeme werden gründlich gereinigt. Wir müssen deshalb alle Chemikalien nachfüllen und dabei sehr genau vorgehen.“

Nicht nur für sie bedeutet die Revision viel Arbeit, gerade weil die externen Kräfte fehlen: „Wir müssen die Schippe mehr in die Hand nehmen“, erklärt der Betriebsratsvorsitzende Diesing. Brennstoff nachladen, Behälter prüfen, Chemikalien nachfüllen – bei vielem unterstützen sonst Monteure.  „Jetzt durften zum Beispiel weniger externe Schlosserfirmen und Kranfahrer kommen. Das heißt, unsere Schlosser vor Ort müssen jetzt auch selber Kran fahren“, so Diesing. 

„Die zusätzlichen Corona-Schutz-Vorschriften alle richtig umzusetzen war eine echte Herausforderung“, findet er und betont aber: „Wir als Betriebsrat sind immer voll involviert gewesen. Wir haben da etwas Gutes auf die Beine gestellt, um die Mitarbeiter bestmöglich unter diesen Bedingungen zu schützen.“ Voraussichtlich bis zum 25. Mai, also etwa drei Wochen länger als unter normalen Umständen, dauert die Revision noch. 

Auch sonst hat sich das Kraftwerk auf Corona eingestellt: Jeden Morgen wird beim Einlass Fieber gemessen und die Zugangskontrollen wurden verschärft. Alle Beschäftigten mussten sich auf Corona testen lassen und Besprechungen finden nur in kleinem Kreis und mit Sicherheitsabstand statt. Schon früh galt Maskenpflicht. „Ich fühlte mich hier sicherer als beim Einkaufen im Supermarkt“, sagt Loges. Am Anfang sei das natürlich sehr ungewohnt gewesen, aber schnell sei es zur Normalität geworden. „Anstrengend bleibt es aber: Wenn man acht Stunden mit Maske arbeitet, ist man abends völlig kaputt“. Er ergänzt: „Es fühlt sich an wie Arbeiten auf 3000 Meter Höhe.“

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