1850–1890: Malochen bis zum Umfallen

Das Leben der Arbeiter im 19. Jahrhundert ist hart: Sie schuften bis zum Umfallen. Frauen und Kinder müssen mitarbeiten, um das Überleben zu sichern. Die Arbeit ist gefährlich, die Zahl schlimmer Unfälle hoch, Arbeitssicherheit ein Fremdwort. Es ist die Geburtsstunde der Gewerkschaften.

Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts: In den deutschen Kleinstaaten regieren Fürsten und ein paar Könige. Bauernhöfe, Dörfer und Kleinstädte bestimmen die Landschaft in der ausgehenden Biedermeierzeit. Doch gewaltige soziale Umwälzungen stehen bevor, die industrielle Revolution stellt die deutsche Gesellschaft auf den Kopf. Aus Knechten in der Landwirtschaft werden heimatlose Industriearbeiter, aus privilegierten Handwerkern einfache Proletarier. Auch politisch ändert sich einiges: 1871 wird auf Initiative von Reichskanzler Otto von Bismarck das deutsche Kaiserreich gegründet, an seiner Spitze der preußische König. Der preußische Staat gibt den Ton an: antidemokratisch, autoritär, militaristisch.

90-Stunden-Woche

Die ersten Opfer des neuen autoritären Systems und des sich durchsetzenden Wirtschaftsliberalismus sind die Bergleute. Mit der preußischen Bergrechtsreform von 1865 werden sie zu lohnabhängigen Arbeitern. Obwohl die Arbeit unter Tage besser bezahlt wird als die anderer Berufe, reicht es in der Regel nicht, um die Familie zu versorgen. Wer Lohn- und Arbeitsbedingungen kritisiert, verliert seinen Job und landet auf schwarzen Listen. Kein anderes Bergwerk und kein anderer Arbeitgeber stellt ihn an. Die „Glücklichen“, die Arbeit haben, müssen bis zu 90 Stunden wöchentlich arbeiten. Die Folge: lokale Arbeitsniederlegungen und Streiks. Oft bleibt der Erfolg aus. Engagierte Vorkämpfer für die Rechte der Arbeiter werden ausgegrenzt, beziehen Schläge oder landen in Haft.

851 Jahre Gefängnis für Sozialdemokraten

So wächst die Einsicht, dass sich die Arbeiter zusammenschließen müssen. Das wiederum löst heftige Reaktionen aus. Die Unternehmer bzw. die Arbeitgeber weigern sich, mit den Vertretern der Arbeiterbewegung zu sprechen, und lassen sie von Gendarmen niederprügeln. Die kaiserliche Politik reagiert zwischen 1878 und 1890 mit dem Sozialistengesetz: Der SPD und den nahestehenden Gewerkschaften ist es untersagt, sich politisch zu betätigen. Ähnlich kritisch sieht die Regierung auch die katholische Arbeiterbewegung und die ihr nahestehende Partei, das Zentrum. Katholiken und Sozialdemokraten gelten als „Reichsfeinde“. Etwa 2.000 Sozialdemokraten und Gewerkschafter werden strafrechtlich verfolgt, 1.000 ihrer Wohnorte verwiesen. Mindestens 851 Jahre Gefängnis werden verhängt.

Geburtsstunde der Gewerkschaften

Bismarcks Politik zeigt Wirkung, aber eine andere, als er sich erhofft hat. Politisch und sozial ausgegrenzte Handwerker und Facharbeiter schließen sich in Bildungsvereinen zusammen, gründen Sozialkassen, Rechtsschutz- und Sportvereine, um miteinander in Verbindung zu bleiben. Das Gebot der Stunde ist Solidarität. Schon vor dem Auslaufen des Sozialistengesetzes 1890 ist klar: Die Zeit ist reif für eine solidarische Vertretung aller Arbeiter im Kaiserreich, die Gewerkschaften – ein politischer und sozialer Wendepunkt in der deutschen Geschichte. Und das ist auch die Geburtsstunde reichsweiter Gewerkschaften wie „Fabrikarbeiterverband“ und „Alter Verband“: Am 1. Juli 1890 gründen 26 Delegierte in Hannover den „Verband der Fabrik-, Land- und gewerblichen Hilfsarbeiter Deutschlands“ und 43 Delegierte im September 1890 in Halle den „Verband deutscher Bergleute“. Andere Gewerkschaften, die im Laufe der nächsten Jahre entstehen und später zur Familie des Fabrikarbeiterverbandes kommen, sind die Glas- und Porzellanarbeiterverbände, aber auch die Blumenarbeiter und Tapetendrucker. Die Zeit der sozialen Ausbeutung ist damit in der deutschen Gesellschaft längst noch nicht vorbei, aber es ist der mutige Beginn einer erfolgreichen Entwicklung in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.

1891–1900: prägende Jahre – erste Erfolge