Transformationscamp 2022

„Wir brauchen ein Gemeinschaftswerk Transformation“

Das Transformationscamp der IGBCE und der Stiftung Arbeit und Umwelt setzt einen wichtigen Fokus: Neben den ohnehin schon gigantischen Aufgaben aufgrund des Umbaus der Industrie – bereits in der ersten Auflage des Camps 2021 umrissen – stehen jetzt auch die üblen Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Raum. Das verschärft die Lage auch in Deutschland sozial und wirtschaftlich deutlich. Nur als Gemeinschaftsaufgabe lässt sich das lösen.

Transformationscamp 2022
Foto: © Andrea Vollmer

Der stellvertretende IGBCE-Vorsitzende Ralf Sikorski machte bei dem Camp in Berlin noch einmal klar, was Transformation eigentlich bedeutet: „Es geht um Themen wie Demografie, Energiewende, Digitalisierung und Klimakrise.“ Diese dürfe man auch jetzt nicht aus den Augen verlieren. „Jetzt“ – das markiert die Lage weltweit, die mit Putins Krieg in der Ukraine eine dramatische Wende genommen hat. Nicht von ungefähr lautet der Veranstaltungstitel „Zeitenwende für die Transformation?“ Die Gesamtlage müsse betrachtet werden, sagte Sikorski und forderte: „Wir müssen stärker über den europäischen Wirtschaftsraum und die europäische Sozialpolitik nachdenken.“ Eine ähnliche Richtung nahm die Unternehmensberaterin und Staatssekretärin a.D. Katrin Suder mit ihrer Warnung vor einer „strukturellen Inflation“, die sich aus einem eingetretenen „Ende der Globalisierung, wie wir sie kannten“ ergebe. Die immense Dichte an Krisen müsse zu neuen Wirtschaftsmodellen führen. „Wir müssen uns anpassen. Das kriegen wir nur gemeinsam hin.“

Auf Gemeinschaftssinn setzte auch IGBCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis. Er forderte ein „Gemeinschaftswerk Transformation“, das Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und Arbeitgeber zusammen gestalten müssten – beruhend auf gemeinsam vereinbarten Prioritäten. Und er erwarte von den Großkonzernen eine „patriotische Standorttreue“, um Produktion in Deutschland sowie in Europa zu halten. „Das meine ich nicht nationalistisch, sondern wir brauchen eine deutsche und eine europäische Standortpolitik. Es ist wichtig, dass wir hier Perspektiven haben!“ Für Sikorski umfasst das auch eine neue Sicht auf die Zukunft. Nicht noch mehr Konsum ist seine Vision, sondern die Frage nach der Qualität des Zusammenlebens – in europäischer Dimension.

Das ist die Situation, in der die Wirtschaft und die Menschen mitgenommen werden müssen. „Es gibt Bevölkerungsschichten, die so dringend Hilfe brauchen, dass sie unabdingbar ist. Wir müssen schauen, dass die Gesellschaft zusammenbleibt, sonst gibt es kein Wachstum“, sagte Vassiliadis. Covestro-Vorstandsvorsitzender Markus Steilemann warnte: „Wir sind dabei, einen Herzstillstand für die chemische Industrie zu erzeugen.“ Er meinte damit unter anderem jahrelange bürokratische Hürden für technologische Lösungen, die jetzt dringend gebraucht würden – bei der Genehmigung von Windkraftanlagen etwa, mit denen Unternehmen wie Covestro ihren Energiebedarf decken wollen. Thomas Wessel, Personalvorstand bei Evonik, sieht seine Branche nicht als Problemfall, sondern als Teil der Lösung. Evonik liefere viele Produkte, die für Windkraftanlagen benötigt würden. „Ohne Chemie gelingt die Energiewende nicht.“ Sein Unternehmen engagiert sich im Chemiepark Marl, dem drittgrößten in Deutschland. „Wir warten dringend auf Zustimmung für eine neue Wasserstoff-Pipeline und einen Elektrolyseur für die Wasserstoffproduktion", sagte Wessel. Und viele andere Projekte dieser Art befänden sich in Wartestellung, kritisierte er. Evonik bekenne sich zum Produktionsstandort Deutschland. Dort müssten Investitionen in digitale oder Verkehrsinfrastrukturen noch deutlich an Fahrt gewinnen. Und, je nach Prognosestudie, könnten der Industrienation bis 2040 hunderttausende Fachkräfte fehlen. Wessel: „Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Debatte zur Einwanderung.“ 

Transformationscamp

Das Transformationscamp der IGBCE und Stiftung Arbeit und Umwelt war gut besucht.

Foto: © Andrea Vollmer

IGBCE-Vorstandsmitglied Francesco Grioli lenkte den Blick auf energieintensive Branchen wie Glas, Keramik und Papier. „Denen steht das Wasser bis zum Hals.“ Norbert Theihs, Geschäftsführer des Berliner Büros des Verbands der chemischen Industrie (VCI), sprach von einer dramatischen Situation, die man in der Branche spüre. „Da rede ich vor allem vom Mittelstand“. Der brauche bezahlbares Gas. Einerseits. Andererseits soll – und will – die Politik auch rasche Anpassungen vornehmen. Das Saarland habe einen drei Milliarden Euro schweren Transformationsfonds aufgelegt, sagte die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger. Für eine klimaneutrale Wirtschaft sollen wichtige Kernprojekte in der kommenden Dekade kofinanziert werden. Zum Beispiel in der Stahlwirtschaft, die eine neue Wasserstoff-Infrastruktur braucht. „Wir sind ein Stahl-Land und wollen es bleiben“, sagte Rehlinger. Katharina Dröge, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, verwies unter anderem auf den Bau neuer LNG-Anlagen. „Wir müssen auch in Rekordzeit Alternativen schaffen.“ Für sie gehört auch die Schaffung einer Infrastruktur für grünen Wasserstoff auf die Agenda. Und dieser Wandel, auch das betonte Dröge, müsse sozial gestaltet werden. Diesen Punkt werden im Oktober vor allem die rund 580.000 Beschäftigten der Chemiebranchen im Blick haben, wenn die Tarif-Runde der Chemieindustrie fortgesetzt wird. Dann ist Sikorski wieder als IGBCE-Verhandlungsführer dabei. Für ihn zählt schon jetzt, dass Arbeitgeber und Politik auch Ängste der Menschen um Arbeitsplätze und Preissteigerungen beherzigen. „Sonst habe ich Angst, dass die Akzeptanz für die Transformation bei vielen Menschen verloren geht.“ Diesen Punkt sah auch Grioli als ein zentrales Thema. „Angst ist das schlechteste Fundament, auf dem Innovation stehen kann.“ 

Johanna Wenckebach von der Hans-Böckler-Stiftung berichtete von der Notwendigkeit, das Betriebsverfassungsgesetz zu modernisieren. Die Bundesregierung wolle zwar nachbessern, bleibe aber eher vage. Eine jüngst erfolgte Umfrage der Stiftung habe ergeben, dass die Sorgen der Beschäftigten so stark zugenommen hätten, „wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, sagte Wenckeberg. Wenn Menschen sich ihrer Arbeit und ihrer Zukunft zunehmend unsicherer würden, dann wirke sich das auch auf die Demokratie aus. Krisen könnten einen Rechtsruck vorantreiben. „Auch deshalb muss die betriebliche Mitbestimmung geschützt werden“, sagte die Wissenschaftlerin. Eine Einschätzung, die Alexander Schweitzer, rheinland-pfälzischer Minister für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung, sofort teilte. „Die Transformation ist aus meiner Sicht die große sozialpolitische Herausforderung, vor der wir heute stehen. Die Akteure vor und hinter den Werkstoren – auch den digitalen – müssen zusammenarbeiten.“