Digitalisierung
Zukunft geht nur gemeinsam

So viel ist sicher: Die Digitalisierung wird an kaum einem Beruf vorbeiziehen. Sie geht uns alle an. Deshalb ist es wichtig, genau hinzuschauen, was der Wandel in den Betrieben mit jedem einzelnen Job macht - und was deshalb in puncto Mitbestimmung, Qualifizierung und Arbeitsplatzsicherung getan werden muss. Das IG-BCE-Projekt "Arbeit 2020 in NRW" versucht genau das, indem es die digitale Transformation in der chemischen Industrie unter die Lupe nimmt und Beschäftigte, Betriebsräte sowie Personalverantwortliche zusammenbringt, um eine Strategie für gute, zukunftsfeste Arbeitsplätze zu entwickeln.

Die Pumpe könnte in zwei, vielleicht drei Wochen den Geist aufgeben. Für Unbeteiligte mögen die Geräusche, die das mächtige Aggregat verursacht, nicht weiter besorgniserregend klingen. Für den Fachmann hingegen sind sie ein Alarmsignal. Ein Betriebsschlosser hört das sofort. Durch jahrelange Erfahrung hat er es schlicht und ergreifend im Gefühl, wenn etwas nicht so läuft, wie es laufen soll. Lange bevor sich eine kleine Unregelmäßigkeit zu einem handfesten Problem auswächst.

Demnächst werden die Pumpen hier, bei Lanxess in Krefeld-Uerdingen mit Sensoren ausgestattet. Die sollen schon bei der winzigsten Abweichung vom regulären Betriebsablauf anschlagen. Predictive Maintenace – also vorausschauende Instandhaltung – nennt sich das. Verzögerungen in der Produktion, geschweige denn stillstehende Maschinen können sie sich am zweitgrößten Standort des Chemiekonzerns nicht leisten. Rund 1700 Mitarbeiter stellen hier, im weltgrößten Werk für Pigmente, alles her, was die Welt ein bisschen bunter macht: Farben für die Baustoff-, die Kunststoff-, die Lack- und Farbenindustrie. Und Menthol produzieren sie hier auch. Millionen von Menschen haben ihn jeden Morgen im Mund, den charakteristischen Zahnpastageschmack aus Krefeld-Uerdingen.

Bislang waren es also Fachkräfte mit feinem Ohr und geschultem Blick, die den drohenden Pumpenkollaps rechtzeitig erkannten. Die älteren unter ihnen Betriebsschlosser, die jüngeren Industriemechaniker. Im Prinzip ein und derselbe Beruf. Aber einer, der sich durch fortschreitende Technisierung tief greifend verändert hat. Früher hießen die Werkzeuge noch Zollstock und Schraubenschlüssel. Heute trifft man die „Maschinenflüsterer“ von einst immer öfter mit elektronischen Messgeräten oder Tablets in der Hand. Denn Maschinen, einst stählern wummernde Mechanik in reinster Form, werden immer mehr zu selbstdenkenden und -lenkenden Supercomputern. „Smarte“ Sensortechnik, die das Ausfallrisiko von Maschinen gen null reduzieren soll, ist da nur eine von zahllosen, immer atemloser aufeinanderfolgenden Innovationen.

„Display ablesen und Pumpe austauschen: Das können auch Angelernte.“ Thorsten Mantei, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender von Lanxess, der noch Betriebsschlosser gelernt hat, rechnet damit, dass sich viele Berufe – darunter der des Industriemechanikers und des Energieanlagenelektronikers – angesichts immer wartungsärmerer Maschinen nicht nur tief greifend verändern werden, sondern vom Aussterben bedroht sind. „Dort, wo sich vieles automatisieren lässt, sehe ich die Gefahr, das vernünftig bezahlte Facharbeiter überflüssig werden. Routinetätigkeiten wie die Pumpenwartung könnten künftig günstigere Werkvertragsarbeitnehmer übernehmen“, sagt Mantei.

Ist die Digitalisierung ein Jobkiller? Zahlreiche Studien (Auszüge aus einigen aktuellen Untersuchungen finden sich auf diesen Seiten) versuchen, die sich zumeist recht diffus abzeichnenden Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt zu konkretisieren. Dabei sind sich die meisten Forscher bei aller Verschiedenheit der Prognosen für die kommenden Jahrzehnte doch in einem Punkt einig: Das als „Industrie 4.0“ oder aus Arbeitnehmerperspektive auch „Arbeit 4.0“beschriebene Phänomen – also die wachsende „Intelligenz“ und Autonomie von Maschinen sowie die zunehmende Vernetzung von technischen Systemen – wird Aufgaben überflüssig machen. Sie wird aber ebenso sicher auch sehr viele Arbeitsplätze neu schaffen. Manche Forscher glauben: sogar mehr, als verloren gehen. Doch Genaues weiß man nicht. Noch sind die Prognosen zu den Effekten der Digitalisierung auf Berufsbilder, Branchen und den Arbeitsmarkt derart schwammig, dass sich daraus kaum eine tragfähige Zukunftsstrategie ableiten lässt.

Der Blick in die Zukunft ist auch deshalb vernebelt, weil sich Digitalisierung praktisch überall vollzieht, jedoch nicht überall gleich schnell, tief greifend und folgenreich. Sie hat viele Geschwindigkeiten und viele Gesichter. Aber fast nie das eines hyperintelligenten Roboters, der handstreichartig Kollege Mensch vom Steuerpult verdrängt. Digitalisierung ist im Wesentlichen ein Phänomen „unter der Haube“. Nicht die Tatsache, dass immer mehr Menschen Tablets statt Tastaturen bedienen und womöglich auch mal die Datenbrille aufsetzen, ist bemerkenswert. Es sind die Prozesse, die durch diese Schnittstellen in Gang gebracht werden. Prozesse die allumfassend miteinander verknüpft sind und die Grenzen zwischen physischer und virtueller Realität, zwischen Mensch und Maschine immer weiter aufweichen. In einem derart entgrenzten Szenario ist ein präzise Positionsbestimmung eine gewaltige Herausforderung.

Auch in der hoch technisierten chemischen Industrie ist die Situation alles andere als übersichtlich. Laut des aktuellen DGB-Index Gute Arbeit arbeitet in der Branche inzwischen fast die Hälfte der Beschäftigten mehr oder weniger intensiv mit computergesteuerten Maschinen, Robotern oder künstlicher Intelligenz: selbstfahrende Transportsysteme in der Logistik, elektronische Assistenzsysteme bei Produktion und Wartung, Big-Data-Analysen in der Forschung und zur Entwicklung neuer Produkte und digitaler Services. Auch an den weniger Science-Fiction-trächtigen Verwaltungsabteilungen geht die Digitalisierungen nicht spurlos vorüber. Allein schon, weil viele Unternehmen gerade ihre windschief gewordene IT-Architektur sanieren. Schnittstellen sollen derart harmonisiert werden, dass alle Plattformen möglichst geschmeidig zusammenspielen. Softwarelösungen ziehen von lokalen Servern in die Cloud um. Und plötzlich reden auf den Bürofluren alle von „Collaboration“, also der Zusammenarbeit in „digitalen Teamräumen«, in denen abteilungs- und standortübergreifend Projekte organisiert, Aufgaben geplant, Dokumente bearbeitet und Sachstände ausgetauscht werden.

Der Anpassungsdruck, der angesichts der digitalen Transformation auf die Arbeitnehmer wirkt, ist enorm. Mancher Kollege wird mit ein, zwei Schulungen für die neuen, technikgetriebenen Anforderungen fit gemacht werden können. Für andere hingegen wird sich das gesamte Arbeitsumfeld derart drastisch verändern, dass es mit ein bisschen „Learning on the job“nicht getan ist. Und wieder andere werden sich früher oder später besorgt fragen, ob es ihren Beruf in zehn Jahren überhaupt noch geben wird.

„Da die Zukunftsperspektiven von Abteilung zu Abteilung, manchmal schon von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz extrem unterschiedlich sind, müssen wir gründlich hinschauen: auf der Ebene des einzelnen Arbeitsplatzes – und das unter gleichberechtigter Einbeziehung von Unternehmensvertretern, Betriebsräten und vor allem betroffenen Kollegen«, sagt Viola Denecke, stellvertretende Landesbezirksleiterin der IG BCE Nordrhein. „Nur so bekommen wir eine 360-Grad- Perspektive, die wir brauchen, um genau absehen zu können: Was genau macht die Digitalsierung eigentlich mit jedem einzelnen Job? Und: Wie müssen die Mitbestimmungsrechte der Kollegen weiterentwickelt werden, damit sie die Transformation nicht nur erleiden, sondern selbstbewusst mitgestalten können.“ Denecke leitet das von der EU und dem nordrhein-westfälischen Arbeits- ministerium geförderte Projekt „Arbeit 2020 in NRW«, das eben dies leisten will: eine möglichst genaue Analyse digitaler Prozesse im Betrieb und die sozialpartnerschaftliche Entwicklung von Handlungsstrategien, die im digitalen Wandel die Interessen, Erfordernisse und Zukunftschancen der Beschäftigten im Blick behalten. Denn auch das ist eine Erkenntnis der inzwischen zahlreichen Untersuchungen zum Thema: Der Löwenanteil der Mitarbeiter ist zwar bereit, engagiert bei der Digitalisierung mitzuziehen, fühlt sich vom Arbeitgeber aber nicht hinreichend mitgenommen. Überdies fehlt es vielen Unternehmen an einer tragfähigen Digitalisierungsstrategie.

In einem Modellversuch in insgesamt 14 Betrieben – unter ihnen auch Lanxess – wird zunächst der jeweilige Status quo bei der Digitalisierung abteilungsweise mittels einer sogenannten Betriebslandkarte erfasst. Dabei werden anhand ausführlicher Checklisten zunächst zwei Kriterien unter die Lupe genommen: der Grad der Vernetzung sowie das Ausmaß der Steuerung der Arbeitsprozesse durch Technik. Das Bild, das sich aus dieser Analyse ergibt, deckt zum einen auf, wie geordnet und durchgängig ein Betrieb bereits digitalisiert ist. Zum anderen werden Herausforderungen und Handlungsfelder sichtbar. Ein hochgradig vernetzter Arbeitsplatz beispielsweise birgt für den Arbeitnehmer die Chance, schneller und effektiver mit Kollegen zusammenzuarbeiten. Zugleich jedoch steigt das Risiko von übermäßiger Arbeitsverdichtung und Kontrolle durch den Arbeitgeber. Eine Abteilung wiederum, die bei der Digitalisierung erst am Anfang steht, mag in puncto Produktivität zwar Optimierungspotenzial haben, bietet aber die Chance, die betroffenen Kollegen von vornherein eng in die Transformation einzubeziehen – etwa durch Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, aber auch, indem man ihnen einfach zuhört, um zu erfahren, was sie brauchen, um gute Arbeit zu machen. „Wenn die Mitarbeiterperspektive ausgesperrt wird, kommt es leicht zu unnötigen Fehlern, wir haben da einiges erlebt“, sagt Viola Denecke. „Etwa, wenn der Arbeitgeber Datenbrillen anschafft, die zu schwer sind, um sie länger zu tragen oder Steuerungseinheiten, die sich kaum bedienen lassen.“

Derartige Schwachstellen wären leicht vermeidbar, wenn alle Seiten im Betrieb intensiv genug miteinander sprechen würden. „Genau deswegen holen wir bei der Veränderung von betrieblichen Arbeitsabläufen und -strukturen Unternehmensvertreter, Betriebsräte und betroffene Kollegen an einen Tisch«, erzählt Lanxess- Personalmanager Marc Bonanni. Diese Zusammenarbeit habe nicht nur zu mehr Transparenz und einem besseren gemeinsamen Verständnis anstehender Digitalisierungsprozesse beigetragen, sondern auch zu ersten konkreten Maßnahmen. „Wir machen jetzt eine strategische Personalplanung und untersuchen, welche Kompetenzen wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren brauchen. So richten wir den Blick bewusst in die Zukunft, um gut aufgestellt zu sein“, berichtet Bonanni.

Francesco Grioli, im geschäftsführenden Hauptvorstand der IG BCE unter anderem verantwortlich für den Bereich Digitalisierung, sieht im Projekt „Arbeit 2020 in NRW“ einen vielversprechenden Ansatzpunkt, um bei der Digitalisierung zu mehr Verbindlichkeit zwischen Arbeitgeber- und Arbeitsnehmerseite zu kommen. „Wir laden die Arbeitgeber auch über dieses Projekt hinaus dazu ein, das Megathema Digitalisierung gemeinsam mit uns weiterzugestalten – und zwar ganz konkret, dicht an der Arbeitsrealität der Beschäftigten. Das wollen wir etwa im Rahmen unserer Zukunftskommission Digitale Agenda tun. Diesen Weg müssen wir konsequent gehen, um Jobs in der Chemieindustrie auch unter den Vorzeichen zunehmender Vernetzung und Automatisierung attraktiv und perspektivenreich zu gestalten.“

Auch, wenn eine Betriebslandkarte allein noch keine zukunftsfähigen Jobs schafft: In so manchem Unternehmen könnte sie ein Schlüssel für eine systematische, faire und zukunftsfähige Digitalisierungsstrategie sein. Deshalb ist IG-BCE-Vorstand Francesco Grioli vom Referenzcharakter des Projekts überzeugt: „Ich kann mir gut vorstellen, dass die Betriebslandkarte Vorbild für weitere Betriebe und Branchen werden kann.“ Eine wesentliche Voraussetzung dafür wäre allerdings, das derzeit noch aufwendige Erstellungsverfahren so zu vereinfachen, dass es möglichst „schlüsselfertig“ zur Verfügung gestellt und unkompliziert umgesetzt werden kann. „Dann hätten etwa Betriebsräte die Möglichkeit, mit schlanken Mitteln eine fundierte Diskussion über den Stand der Digitalisierung in ihren Unternehmen anzustoßen“, sagt Projektleiterin Viola Denecke.

Werner Czaplik, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Lanxess, der das Projekt in das Unternehmen geholt hat, weiß, wie stark Technik die Arbeitswelt umwälzen kann. Schließlich hat der 61-Jährige schon die Automatisierungswelle der 70- und 80er-Jahre über das Unternehmen wegrollen sehen. „Die haben wir verteufelt und gesagt: Da werden Arbeitsplätze verloren gehen.“ Doch es kam anders. Es sind mehr Jobs entstanden. Dennoch, meint Czaplik, sollte man sich nicht blind darauf verlassen, dass es immer so läuft. „In unserem eigenen Interesse können wir den Arbeitgebern das Feld nicht allein überlassen“, mahnt Czaplik. „Wir müssen bei einem Thema von dieser Tragweite auf Augenhöhe dabei sein.“

Mit Nachdruck und Engagement haben Czaplik und seine Mitstreiter den Betrieb zwar längst noch nicht umgekrempelt, aber sie haben einen Anfang gemacht: Das Zukunftsthema Digitalisierung kann bei Lanxess Uerdingen nicht mehr an Betriebsrat und Mitarbeitern vorbei diskutiert werden.