Continental Aachen

Wo kein Reifen mehr rollt

Der Autozulieferer Conti macht sein Werk in Aachen dicht. Teile der Belegschaft sagen beim Nikolausfest leise adieu. 1800 Menschen hatten zuletzt am Standort gearbeitet, nur einige hundert bleiben noch bis Ende 2023, um das Werk abzuwickeln. 

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Foto: © Markus Feger

Jetzt ist die Luft endgültig raus: Am späten Montagabend ist im Aachener Werk von Continental der letzte Reifen vom Band gerollt – ein trauriges Ende nach mehr als 90 Jahren am Standort. Um den letzten Tag des Werks gemeinsam zu gestalten, versammelten sich am Dienstag Teile der Belegschaft und Aktive der IGBCE auf dem Werksgelände. Wie in den Jahren zuvor feierten sie den Nikolaustag. In diesem Jahr waren es rund 150 Kolleginnen und Kollegen.

Es hätten mehr sein können, doch viele Aachener Werksangehörige sind bereits freigestellt. Und einmal mehr offenbarte sich die tiefe Kluft zwischen Arbeitgeber einerseits sowie Belegschaft und Gewerkschaft andererseits. Denn den genauen Zeitpunkt, wann der letzte Reifen vom Band lief, hatte Conti verschwiegen. Das Unternehmen wollte wohl keinen Anlass für eine größere gewerkschaftliche Versammlung bieten. „Die haben uns ins Leere laufen lassen”, sagt IGBCE-Sekretär Jörg Erkens. Genauso war es schon seit langem.

Conti hatte im September 2020 ein radikales Sparprogramm angekündigt. Allein in Deutschland sollten dabei rund 13.000 Arbeitsplätze abgebaut werden, hieß es. Ganz überraschend kam das nicht. Zuvor hatte Conti bereits Standorte in Belgien, Großbritannien und Frankreich dichtgemacht. „Man hat uns aber immer gesagt, wir schreiben in Aachen schwarze Zahlen und produzieren Reifen, die an anderen Standorten nicht funktionieren. Das hat uns ein Gefühl der Sicherheit vermittelt”, sagt Erkens. „Wir haben daher nicht vermutet, dass es uns treffen kann.”

Doch es kam anders: Das Reifenwerk in Aachen mit seinen 1800 Beschäftigten würde Ende 2021 aufgegeben, teilte Conti Ende September 2020 mit. „Uns wurde zum Verhängnis, dass wir hier kein zweites Produkt herstellen, so wie es an anderen Standorten üblich ist”, erläutert Erkens. „Dabei waren wir immer profitabel. Aber an anderen Standorten lässt sich eben offensichtlich noch mehr Gewinn machen.”

Immerhin konnte der Betriebsrat im Verbund mit der IGBCE im vergangenen Jahr aushandeln, die Schließung auf Ende 2022 zu verschieben. Darüber hinaus sollen bis Ende 2023 bis zu 500 Beschäftigten im Reifenwerk bleiben, um den Standort abzuwickeln.

Doch das Wichtigste: Begleitet wird das Produktions-Aus von Qualifizierungsmaßnahmen in einer Transfergesellschaft. „Viele haben hier über Jahrzehnte immer Reifen produziert. In der Transfergesellschaft können sie sich jetzt für andere Arbeitgeber interessant machen, etwa in der Lebensmittelbranche oder bei Transport und Verkehr”, sagt Erkens. Der Conti-Betriebsratsvorsitzende Udo Bonhof verweist zudem darauf, dass sich die Transfergesellschaft auch mit den rechtlichen Besonderheiten der Grenzgänger aus den Niederlanden und Belgien auskennt. Nach Angaben von Conti haben in diesem Jahr mehr als 800 Beschäftigte eine Weiterqualifizierung absolviert. Mehr als 100 hätten auf diesem Weg einen anerkannten Berufsabschluss nachholen können. 

Dennoch überwog am Nikolaustag das Negative: "Es ist bedrückend. Obwohl das Ende klar war, fällt man emotional nun doch in ein Loch," sagt Bonhof. Jörg Erkens hat den Tag ähnlich erlebt. „Hier ist keiner fröhlich nach Hause gegangen”, resümiert er. Und dabei kann es nur ein ganz schwacher Trost sein, dass dies nicht das letzte gemeinsame Nikolausfest gewesen sein muss. Denn Conti baut für seine Sparte des Behälterbaus einen neuen Standort im benachbarten Alsdorf auf. „Gut möglich, dass unsere traditionelle Nikolausfeier dort fortgeführt wird”, sagt Erkens.                   

Autor: Andreas Schulte