Energiekrise

Winter der Unsicherheit

Liegt das Schlimmste hinter uns — oder steht es erst bevor? Wie reagieren unsere Branchen auf die Energiekrise? Wie erleben die Beschäftigten die Lage? Wir haben den Puls gefühlt.

Collage Branchen
Foto: © Collage: Qubus Media (Fotos: Bayer HealthCare AG, Frank Rogner (2), Klaus Landry, Continental AG, Michael Bader)

Welche Auswirkungen Wetter doch auf Wirtschaft haben kann. Der goldene Oktober hatte Deutschland eine Entspannung bei den Gaspreisen und den Speicherfüllständen beschert. Tatsächlich ist der Preis beim Gas von seinen irrsten Werten wieder weit entfernt – allerdings immer noch ein Vielfaches teurer als 2021. Und tatsächlich sind zuletzt auch die Erzeugerpreise, also die im produzierenden Sektor, erstmals seit zweieinhalb Jahren im Vergleich zum Vormonat mal wieder gesunken. Womit sie aber immer noch um mehr als ein Drittel höher liegen als vor einem Jahr.

Viele fürchten Jobverluste in der Industrie

Es ist wie so oft in der Wirtschaft: Man kann das Glas halbvoll wähnen. Oder eben halbleer. Klar ist eines: Die Branchen, in denen die Mitglieder der IGBCE arbeiten, sind nahezu alle energieintensiv. Die chemische Industrie ist beispielsweise die größte Gasverbraucherin des Landes. Und an diesen Branchen gehen die Preisentwicklungen nicht spurlos vorbei. Sie haben darauf bereits reagiert, den Gasverbrauch zurückgefahren oder durch andere Brennstoffe ersetzt, manche haben ganze Anlagen abgeschaltet, und importieren das, was sie einst in Deutschland herstellten, nun aus Regionen, die keinen Gasmangel und kein Gaspreisproblem kennen wie Deutschland und Europa.

Den Beschäftigten entgeht all das nicht. Das zeigt die Mitgliederumfrage der IGBCE von Oktober und November. Jede*r Vierte der mehr als 3600 Befragten berichtet darin, dass ihr oder sein Betrieb die Produktion bereits zurückgefahren habe. In der Chemie ist es sogar jede*r Dritte. Das Gros der Befragten hält es nur für eine Frage der Zeit, dass auch ihr Betrieb die Auswirkungen der Krise zu spüren bekommen wird (siehe Grafik unten).

Grafik "Lage im Betrieb" - Kompakt 12/01, 2022/23

Tatsächlich ist es vor allem die Chemie, die ihre Produktion drastisch zurückgefahren hat. Wie viele andere Branchen auch hat sie deshalb laut nach einer Gaspreisbremse gerufen – und bekommen. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission mit IGBCE-Chef Michael Vassiliadis als Co-Vorsitzendem an der Spitze hat ein Modell vorgeschlagen, wonach der Preis für 70 Prozent des Verbrauchs bei sieben Cent pro Kilowattstunde gedeckelt wird. Diesem Modell will die Bundesregierung zum neuen Jahr folgen. Für die IGBCE-Industrien bedeutet das bei aktuellem Marktpreis nicht weniger als Subventionen in zweistelliger Milliardenhöhe. Im Gegenzug müssen die Unternehmen Standort- und Beschäftigungsgarantien geben.

Also alles gut, möchte man meinen. Aber so leicht ist es nicht. Ganz offensichtlich will sich nicht jede*r Konzern­chef*in vom Staat und den Arbeitnehmervertretungen ins Geschäft reinreden lassen und verzichtet lieber auf die Subvention. Stattdessen werden Sparprogramme aufgelegt. »Manche fahren die Produktion herunter und spielen gleich reflexhaft mit dem Gedanken, abzuwandern", sagt der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. »Nur sind diesmal nicht die Lohn-, sondern die Energiekosten der Treiber dafür. Aber nicht mit uns."

Tatsächlich treibt auch die IGBCE-Mitglieder die Sorge um, die aktuelle Situation könnte zu Jobverlusten in der Industrie führen. Nahezu jede*r Zweite gab an, große oder sehr große Sorgen diesbezüglich zu haben. Deutlich selbstbewusster ist man allerdings, wenn es um den eigenen Betrieb geht. Hier sehen nur 26 Prozent eine große oder sehr große Gefahr, dass Jobs abgebaut werden. Besonders hoch ist der Wert mit 39 Prozent allerdings bei Beschäftigten im Kunststoff- und Kautschukbereich, zwei klassischen Automobilzulieferbranchen. Dort sorgt man sich auch besonders um die Wertschöpfungsketten. 68 Prozent der befragten IGBCE-Mitglieder aus dem Kautschuk- und Kunststoffbereich sehen eine große beziehungsweise sehr große Gefahr, dass in den kommenden Monaten Produktionsketten reißen und die Industrie insgesamt Schaden nehmen könnte. Sie liegen damit gar nicht so weit über dem Durchschnitt. Über alle Befragten liegt dieser Wert bei 60 Prozent.

Grafik zum Thema "Industriejobs" - Kompakt 12/01 2022/23

Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Gerade die Produktionseinbrüche in der Chemie spiegeln sich verzögert in nachgelagerten Branchen. Die Auswirkungen sind schon an vielerlei Stellen zu sehen – auch dort, wo man es gar nicht vermuten würde (siehe weiter unten: "Die Lage in unseren Branchen"). Derzeit kann zudem niemand vorhersagen, wie sich die Gaslage entwickeln wird. Nach Ansicht der Gasspeicherbetreiber kann Deutschland zwar den bevorstehenden Winter wahrscheinlich ohne Gas-Notstand überstehen. »Treten keine extremen Temperaturen auf, kommt Deutschland gut durch den Winter 2022/23", ließ der Verband Initiative Energien Speichern unlängst wissen. Gasmangellagen könnten dennoch nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Inzwischen geht der Füllstand der zuletzt vollen Speicher langsam zurück. Die gespeicherte Menge entspricht etwa dem Gasverbrauch der Monate Januar und Februar 2022. Zu beachten ist, dass die Speicher auch bei hoher Nachfrage dem Markt nur den kleineren Teil des Gasaufkommens zur Verfügung stellen. Der größere Teil wird durch Pipeline-Importe sichergestellt, die derzeit vor allem aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien kommen.

Der Einschätzung liegt ein Szenario eines »normalen" Winters zugrunde. In einem besonders kalten Jahr, wie es 2010 auftrat, läge der Füllstand der Speicher Ende Januar fast bei null. Für Februar und März würde dann der Gasmangel drohen. Soviel zu den Auswirkungen des Wetters auf die Wirtschaft.


Die Lage in unseren Branchen

Energiebranche
Energiebranche

Unternehmen verdienen gut an Gaskrise

Chemieindustrie
Chemieindustrie

Produktionsrückgänge belasten Wertschöpfungskette

Papierindustrie
Papierindustrie

Unternehmen können gestiegene Preise weitergeben

Glasindustrie
Glasindustrie

Glasindustrie auf dem Weg zum "Fuel Switch"

Kautschukindustrie
Kautschukindustrie

Kautschukindustrie leidet unter nachlassender Nachfrage

Kunststoffindustrie
Kunststoffindustrie

Kunststoffindustrie weicht auf Standorte im Ausland aus