Tarifrunde Papier

Verhandlungen in Papierindustrie ohne Ergebnis

Keine Einigung, kein Angebot: Die erste Runde der Tarifverhandlungen für die 40.000 Beschäftigten in der Papierindustrie endeten am Mittwoch ohne Ergebnis. Die Arbeitgeber zeigten kein Verständnis für die Forderungen der IG BCE. 

Papier-Tarifrunde in Hannover
Foto: © Christian Burkert

Zäher Beginn beim Auftakt der bundesweiten Tarifverhandlungen für die 40.000 Beschäftigten in der Papierindustrie: Die erste Runde am Mittwoch in Hannover endete ohne Einigung. „Der Fachkräftemangel in der Papierindustrie wird sich durch die Pandemie nicht lösen. Die Branche muss wettbewerbsfähig bleiben“, sagte Frieder Weißenborn, Verhandlungsführer der IG BCE. Nach zähen Gesprächen betonte er, dass die systemrelevante Arbeit der Beschäftigten in der Corona-Krise wertgeschätzt werden müsse. „Die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben haben die Wertschöpfungskette während des Lockdowns aufrechterhalten.“

Die IG BCE fordert, die Vergütungen um einen Prozentsatz anzuheben, der einer realen Einkommenserhöhung mindestens den Inflationsausgleich sichert. Außerdem will sie eine Sonderzahlung in gleicher Höhe für alle Beschäftigten für die Leistungen in der Corona-Pandemie durchsetzen. Diese Zahlung soll entweder ausgezahlt, für die tarifliche Altersvorsorge genutzt oder in freie Tage umgewandelt werden können.

Außerdem sollen die Verhandlungen für einen einheitlichen Entgeltrahmentarifvertrag fortgeführt und abgeschlossen werden. Dieser soll die Differenzierung zwischen Löhnen und Gehältern ablösen, um eine Gleichstellung von qualifizierter gewerblicher Tätigkeit (Löhne) und Angestelltentätigkeit (Gehälter) zu erreichen. Weißenborn unterstrich: „In der Hightech-Branche Papier müssen wir endlich zukunftsorientierte Einkommensstrukturen schaffen. Das ist längst überfällig.“

Die Arbeitgeberseite, die Vereinigung der Arbeitgeberverbände der Deutschen Papierindustrie (VAP), legte bei dem Auftakttermin keine konkreten Vorschläge vor. Zudem zeigte die dreiköpfige VAP-Verhandlungskommission, angeführt von Verhandlungsführer Martin Krengel (Vorstandschef der Wepa-Gruppe), kein Verständnis für die Forderungen der IG BCE. Man sehe die wirtschaftliche Lage „völlig anders: viel düsterer“, hieß es. IG-BCE-Verhandlungsführer Weißenborn sagte dazu: „Von einer monetären Erhöhung oder einem Corona-Bonus sind wir noch weit entfernt.“ Frank Gottselig, Mitglied der Fünfer-Kommission und Betriebsratschef bei Essity Operations Mannheim, kommentierte: „Der Arbeitgeber hat sich sehr überrascht gezeigt, dass wir in der aktuellen Situation überhaupt eine Tarifrunde durchführen möchten. Wir als Arbeitnehmer-Vertreter sind der Meinung, dass man mit Anstand und Abstand auch in der aktuellen Situation eine Tarifrunde fahren kann. Die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben haben mehr verdient.“

Die Voraussetzungen in der papiererzeugenden Industrie sind sehr unterschiedlich. In einigen Unternehmen läuft es sehr gut, andere sind seit Monaten in Kurzarbeit: Während die Toilettenpapierhersteller zum Beispiel durch die Corona bedingten Hamsterkäufe bisher ein außergewöhnlich gutes Jahr verzeichneten, hatten die Hersteller von Foto-Spezialpapier zu kämpfen, weil in diesem Jahr weniger Menschen reisen und dementsprechend seltener ihre Urlaubserinnerungen auf Fotopapier ausdrucken.

Marco Martin
Foto: © Christian Burkert

„Wenn wir das jetzt nicht schaffen, schaffen wir das nie.“

Mario Martin
Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Schoeller Technocell

Um diese unterschiedlichen Bedingungen in der Branche wissen auch die Mitglieder der Bundestarifkommission. Bei der Firma Schoeller Technocell in Weißenborn, die Spezialpapiere herstellt, beispielsweise gilt seit 1. April Kurzarbeit von bis zu 50 Prozent für die 750 Mitarbeiter. „Viele fragen sich, wie es nach der Kurzarbeit weitergeht“, berichtete Mario Martin, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Schoeller Technocell. Er hofft, dass sich die IG BCE in der Tarifrunde bei der Sonderzahlung für die Belastungen während der Corona-Krise durchsetzen kann, dies wäre ein wichtiges Signal, um die Leistungen der Belegschaften anzuerkennen. Zudem sei es wichtig, Fortschritte beim einheitlichen Rahmentarifvertrag zu machen, um den schon seit Jahren gerungen würde. „Wenn wir das jetzt nicht schaffen, schaffen wir das nie“, sagte er.

Die Essity Operations Mainz-Kostheim wiederum profitierte von der Corona-Krise: Der Betrieb stellt mit 550 Mitarbeitern Hygienepapiere (etwa Ärztekrepp, Papier-Handtücher) für Arztpraxen, Schulen, Krankenhäuser her, die coronabedingt sehr gefragt waren. „Gerade zu Beginn der Pandemie hatten wir unheimlich viel zu tun“, berichtet Betriebsratsmitglied Said Nasri. Zwischenzeitlich sei die Nachfrage auf „Normalniveau“ zurückgegangen, nun steige sie aber – parallel zur Öffnung von Schulen und Industriebetrieben – wieder deutlich an. Die Belegschaft erwarte einen „Abschluss, der der heutigen Wirtschaftslage angemessen“ sei, zudem sei die Wahlmöglichkeit bei einer Bonus-Zahlung wichtig für die Beschäftigten. „Die Leute haben alles gegeben, um die Betriebe trotz Krise am Laufen zu halten. Dem muss man gerecht werden und ihre Leistung honorieren“, so Nasri. 

Said Nasri
Foto: © Christian Burkert

„Die Leute haben alles gegeben, um die Betriebe trotz Krise am Laufen zu halten."

Said Nasri
Betriebsratsmitglied bei Essity Operations Mainz-Kostheim

Die Papierbranche ist sehr divers: Rund 3000 verschiedene Papiersorten gibt es, unterteilt in vier Bereiche. Mehr als die Hälfte aller produzierten Papiere sind für Verpackungen. Grafische Papiere machen mit Zeitungen und Zeitschriften rund 32 Prozent aus. Hygienepapiere, also etwa Toilettenpapier und Küchenrolle, haben einen Anteil von sieben Prozent an der Gesamtproduktion. Zu technischen und Spezialpapieren (sechs Prozent an Papierproduktion) zählen zum Beispiel Papiere für Etiketten, Teebeutel oder Zigaretten.

Die zweite Verhandlungsrunde findet am 24. und 25. September in Potsdam statt.