Tarifrunde Kautschuk

Blick in die Branche

Abdichtungen von Fenstern und Türen, Badekappen oder Gummisohlen für Schuhe: Allein in 40.000 Artikeln des täglichen Bedarfs ist Kautschuk enthalten. Eine Wirtschaft ohne diesen Rohstoff wäre nicht vorstellbar. In der Kautschuk-Branche arbeiten Beschäftigte wie Angela Müller, Joachim Weberskirch oder Thomas Schwede. Die drei vertreten in den regionalen Tarifkommissionen die bundesweit insgesamt 25.000 Kautschuk-Beschäftigten.

Reifen
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Gemeinsam mit den anderen Tarifkommissionsmitgliedern haben sie nun die Forderungsempfehlung aufgestellt. Damit ist der Startschuss für die diesjährige Tarifrunde gefallen. Zur Diskussion in den Betrieben stellen sie eine Erhöhung der Vergütungen und eine Wahloption zwischen mehr freier Zeit und mehr Geld. Anfang März wird die Bundestarifkommission ihre Forderung beschließen. 

Kautschuk - die Betriebe

Thomas Schwede ist Betriebsratsvorsitzender bei den Globus Gummiwerken in Ahrensbök in Schleswig-Holstein und Mitglied der Tarifkommission Nord. Die 220 Beschäftigten der Firma produzieren Dichtungen für Spraydosen, zum Beispiel für Farben oder Haarsprays. Lange war das mittelständische Unternehmen damit Weltmarktführer. 

„Für unsere Verhältnisse haben wir 2020 ein hervorragendes Jahr gehabt“, erzählt Schwede. Zwar habe es auch Kurzarbeit gegeben, die sei jedoch überschaubar gewesen. Und ein halbes Jahr hätten die Beschäftigten der Gummiwerke sogar im Vollkonti-System arbeiten müssen, um die Arbeit zu bewältigen. Teilweise habe das Unternehmen sogar mehr Aufträge durch die Pandemie gehabt. „Weil es durch Corona zu Lieferengpässen in Asien kam, bestellten Firmen Dichtungen aus Ahrensbök, die sie sonst aus anderen Ländern bezogen hätten.“ 

Schwede findet deshalb: „Die Forderungsempfehlung ist vollkommen gerechtfertigt.“ Die Situation sei eine andere als in der vergangenen Tarifrunde im Frühjahr 2020 mitten im ersten Lockdown. „Damals haben wir beide Augen zugekniffen, weil niemand wusste, wie es weitergehen würde und die Unsicherheit groß war.“ Die vergangenen zwölf Monate hätten aber gezeigt, dass die Gummiwerke vergleichsweise gut durch die Krise gekommen seien. 

Angela Müller
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„Unserem Betrieb geht es gerade richtig gut.“

Angela Müller
Betriebsratsvorsitzende, Freudenberg FST, Standort Berlin

Ähnlich ist das auch bei der Firma Freudenberg FST mit 190 Beschäftigten am Standort Berlin, wie die Betriebsratsvorsitzende und Mitglied der Tarifkommission Ost Angela Müller erklärt: „Unserem Betrieb geht es gerade richtig gut.“ Bei dem Hersteller von Dichtungen und Zulieferer für die Automobilindustrie arbeiten die Beschäftigten derzeit Sonderschichten. Auch der Zulieferer hatte im April und Mai mit drastischen Auftragsrückgängen zu kämpfen und entsprechend Kurzarbeit. „Seit August hat sich die Lage wieder stabilisiert“, sagt Müller und verweist auf eine Auslastung der Firma von 80 Prozent. Inzwischen wird wieder neues Personal eingestellt.

Die Forderungsempfehlungen unterstützt sie, wünscht sich aber, „dass im Tarifvertrag eine Aufstockungsregelung für Kurzarbeit von 80 Prozent vereinbart wird“. Auch bei der Entgelterhöhung wird sie konkret: „Nach der letzten – durchaus verständlichen – Nullrunde, hoffe ich auf eine Entgelterhöhung von insgesamt vier Prozent.“

Thomas Weberskirch
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„Unsere Auftragsbücher sind derzeit voll bis 2023 – das gilt für den gesamten LKW-Bereich“

Joachim Weberskirch
Betriebsratsvorsitzender, Goodyear Dunlop in Wittlich

Bei dem bekannten Reifenhersteller Goodyear Dunlop hat sich die Lage sehr positiv entwickelt, berichtet der Betriebsratsvorsitzende Joachim Weberskirch bei Goodyear Dunlop in Wittlich und Mitglied der Tarifkommission Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland. „Anfang August sind wir wieder komplett aus der Corona-bedingten Kurzarbeit ausgestiegen“ – seitdem wird auch wieder neu eingestellt. Die circa 900 Beschäftigten am Standort Wittlich konnten zudem sowohl die Lkw-Neureifenproduktion durchschnittlich von 2350 auf 2700 Reifen pro Tag steigern, als auch den täglichen Ausstoß an Lkw-Runderneuerungsreifen von etwa 410 auf 450 Lkw-Reifen. „Unsere Auftragsbücher sind derzeit voll bis 2023 – das gilt für den gesamten Lkw-Bereich“, wie Weberskirch erklärt. Auch er erwartet beim Entgelt am Ende insgesamt eine Steigerung von vier Prozent im Gesamtpaket.

IG-BCE-Verhandlungsführer Marc Welters unterstreicht: „Der Eindruck aus den Betrieben ist ambivalent.“ Zwar seien die Aussichten eher positiv, man müsse sie aber vor dem Hintergrund bewerten, "dass wir ein unübliches Jahr hinter uns haben“. Corona bedeute einen großen Einbruch. „Dem haben wir im vergangenen Jahr mit unserem Abschluss Rechnung getragen“, so Welters. In diesem sei die Situation aber andere. Er betont: „Wichtig ist, dass am Ende ein ordentliches Entgelt steht, damit der Abstand zu anderen Branchen nicht größer wird. Denn mit ihnen stehen wir im Wettkampf um die Fachkräfte.“

Kautschuk – die Branche

Neben großen Reifenherstellern zählen zahlreiche kleinere Unternehmen zur Kautschukbranche, die in ihrer Nische sogar oft Weltmarktführer sind. Viele sind Automobilzulieferer. Rund die Hälfte der Beschäftigten der Branche ist in der Zulieferung von Teilen, Komponenten und Systemen für die Automobilindustrie tätig. 

So unterschiedlich die Unternehmen, so unterschiedlich auch ihre wirtschaftliche Situation. Laut IG BCE-Industriegruppensekretär Werner Voß sieht die Auftragslage in der Kautschukverarbeitung im ersten Quartal 2021 größtenteils gut aus. Die Auslastung liege wieder bei über 80 Prozent. Die Lage scheint trotz Lockdowns stabil; die Aussichten seien „verhalten positiv“.
 

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