Continental Reifenwerk

Neue Perspektiven

Klarheit für die 1.800 Beschäftigen des Aachener Reifenwerks von Continental: Der Standort wird nun doch nicht in diesem, sondern erst Ende des kommenden Jahres geschlossen. Die spätere Schließung ist Teil des Sozialplans, den die IG BCE und der Betriebsrat mit Continental ausgehandelt haben.

Conti-Demo in Hannover
Foto: © Christian Burkert

Monatelang wurde hinter den Kulissen um einen Sozialplan gerungen. Für die Beschäftigten endet damit eine nervenaufreibende Zeit der Ungewissheit. „Unsicherheit und Angst haben uns in der letzten Zeit ständig begleitet“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Udo Bonhof rückblickend. Auch wenn das Ergebnis jetzt wirklich gut sei, sitze der Schock immer noch tief. „Hier wird ein äußerst profitables Werk geschlossen und das Leben von 1.800 Menschen grundlegend verändert. Das macht mich auch jetzt noch fassungslos.“

Videokonferenz zum Sozialplan für das Reifenwerk Aachen

Die nun getroffene Einigung sorgt für klare Verhältnisse. Ziel des Gesamtkonzepts mit dem Titel ‚Aachen neu denken‘ ist die Vermittlung der von der Werksschließung betroffenen Mitarbeiter*innen von Arbeit in Arbeit. Der ursprüngliche Plan, das Werk Ende 2021 zu schließen, wird auf die kommenden zwei Jahre gestreckt. Bis Ende 2022 wird die Zahl der Beschäftigten in Aachen auf bis zu 1.200 reduziert. Im Jahr 2023 sollen noch bis zu 500 Beschäftigte in Lohn und Brot bleiben, um die endgültige Schließung der Produktionsanlage zu begleiten. Auf betriebsbedingte Kündigungen wird wo immer möglich verzichtet. „Das verhandelte Angebot ist insgesamt allerdings so attraktiv, dass wir davon ausgehen, dass es zu keinen betriebsbedingten Kündigungen kommen wird“, sagt Bonhof.

Sozialplan mit Aufstockungen und Abfindungen

Die zeitliche Verlängerung des Stilllegungsplans hilft auch jenen, die kurz vor dem Eintritt in die Rente stehen. Mit Aufstockungen und Abfindungen sollen hier Brücken gebaut werden. Der Sozialplan sieht dafür einen umfangreichen finanziellen Ausgleich für die Betroffenen der Schließung vor. Je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit und familiären Situation sind Ausgleichszahlungen von bis 200.000 Euro möglich. Gewerkschaftsmitglieder bekommen bis zu 1.200 Euro zusätzlich. Und wer freiwillig geht, erhält darüber hinaus einen Bonus von 12.000 Euro. „Insgesamt kann sich das Abfindungspaket wirklich sehen lassen. Darüber sollte sich niemand beschweren“, sagt der Betriebsratsvorsitzende.

Im Aachener Conti-Werk haben viele der Beschäftigten, die dort seit Jahrzehnten arbeiten, eine geringe Qualifizierung. Ihre Chancen auf dem freien Arbeitsmarkt sind schlecht. „Deshalb war es uns wichtig, so viele Kolleginnen und Kollegen wie möglich den direkten Übergang von Arbeit in Arbeit zu ermöglichen“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Bruno Hickert. Für die Qualifizierung und Vermittlung von neuen Arbeitsstellen werde nun eine Transfergesellschaft eingerichtet. Die Einschätzung teilt auch Jörg Erkens, Verhandlungsführer der IG BCE. „Bei vielen Conti-Beschäftigten in Aachen herrschte zuletzt die blanke Angst, ihre Familien nicht mehr ernähren zu können.“ Für ihn sei es deshalb oberstes Gebot gewesen, den betroffenen Beschäftigten diese Furcht durch gute Vereinbarungen zu nehmen. „Das ist uns aus meiner Sicht gelungen."

Für Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BC und Continental-Aufsichtsratsmitglied, habe man mit dem Sozialplan das Maximum erreicht. „Mit dem Abschluss bekommen Jüngere neue Perspektiven und Ältere können mit Anstand ausscheiden. Der Zuschlag für IG-BCE-Mitglieder macht außerdem deutlich, dass es sich auch in der Krise lohnt, Gewerkschaftsmitglied zu sein." Zur Schließung des profitabel arbeitenden Werks sagte er unmissverständlich: „Das ist und bleibt ein Fehler.“

Weitere Informationen

Conti-Demo in Aachen
Foto: © Markus Feger
Konzept für Aachener Reifenwerk
Spätere Schließung und Sicherheitsnetz für die Beschäftigten

Nach monatelangen, schwierigen Verhandlungen haben sich IG BCE, Betriebsrat und Continental auf ein sozialverträgliches Konzept für das Reifenwerk in Aachen verständigt. Es sieht die Streckung des Personalabbaus um zwei Jahre bis Ende 2023 ebenso vor wie umfangreiche Abfindungs-, Transfer- und Weiterbildungspakete sowie einen Zuschlag für IG-BCE-Mitglieder.