seit 1997

Nach der Fusion

IG BE und IG Chemie beschließen ihre Fusion zur IG BCE

Spektakulär: IG BE und IG Chemie beschließen ihre Fusion

Foto: © IG BCE

Nicht nur die deutsche Einheit stellte die Gewerkschaften vor große Herausforderungen. Seit den 50er Jahren veränderten sich die Strukturen in der Wirtschaft grundlegend. Traditionelle Branchen wie der Bergbau schrumpften. Neue Technologien hielten Einzug, es gab immer mehr Dienstleistungsjobs und Angestellte, die Zahl der Arbeiterinnen und Arbeiter dagegen nahm ab. Die individuellen Ansprüche an Beruf und Leben änderten sich.  

Die Ankündigung von IGBE und IG Chemie im Spätherbst 1991, der sich gut ein Jahr später auch die Gewerkschaft Leder anschloss, glich einer Sensation: Sie wollten fusionieren. Chemie-Vorsitzender Hermann Rappe begründete dies so: „Das sind Partner mit übereinstimmenden politischen Grundeinschätzungen zur Bundesrepublik und ihrer Entwicklung, das sind Partner im Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft.“ „Denn“, so hieß es in einer zeitgenössischen Dokumentation: „nur wer beizeiten seine Kräfte bündelt, kann die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich bestehen“.  

Die Herausforderungen der Zukunft? Die Industriegewerkschaften schienen zahlenmäßig kleiner und damit nach außen auch schwächer zu werden. Doch Bergbau und Chemie waren auf deutscher und europäischer Ebene immer stärker von den durch die Politik bestimmten Rahmenbedingungen abhängig. Da galt es auch zahlenmäßig Stärke und Durchsetzungskraft zu zeigen. Das betraf aber auch die Situation innerhalb des DGBs. Schon einige Zeit wurde über Reformen diskutiert. Ohne Ergebnis. Die Reaktion von IGBE-Chef Hans Berger: „Wenn die Reform nicht von oben zu verwirklichen ist, müssen wir sie von unten in Gang bringen.“  

Und sie kamen zügig in Gang: Schon am 4. Mai 1992 unterschrieben die Vorstände von IGBCE und IG CPK ein Kooperationsabkommen. Das klare Ziel: die Bündelung der vorhandenen Kräfte, die Stärkung der Organisation sowie die Verbesserung der Durchsetzungsfähigkeit im Interesse der Gewerkschaftsmitglieder. Man begegne damit, so heißt es in der Vereinbarung, „den Herausforderungen, die durch die Schaffung der deutschen Einheit sowie durch die vermehrten Aufgaben im Zusammenwachsenden Europa entstanden sind.“  

Hubertus Schmoldt wurde auf dem Gründungskongress vom 6. bis 10. Oktober 1997 in Hannover zum ersten Vorsitzenden der IGBCE gewählt. Der Zusammenschluss setzte Zeichen über die IGBCE hinaus. Auch andere Gewerkschaften nahmen das Signal auf. So wurden aus ehedem 17 schließlich 8 Gewerkschaften unter dem Dach des DGB.  

Natürlich gab es anfangs noch ein gewisses Misstrauen gegenüber den neuen Partnern, die aus jeweils anderen Gewerkschaftskulturen kamen. Doch das löste sich schnell auf, denn die anstehenden Herausforderungen erforderten Zusammenarbeit und Geschlossenheit. Die Einschätzung von Hans Berger: „Es gibt Entwicklungen und Traditionen, die man aufrechterhalten muss, denn das ist gerade Voraussetzung für die Herausbildung der neuen Identität.“ Und das gelang. 

Die Koalition aus Union und FDP hatte erst kurz zuvor die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall beschnitten und den Kündigungsschutz eingeschränkt. Die Reaktion darauf: 600.000 Menschen gingen auf die Straße. Ein Chemie-Tarifvertrag „reparierte“ die Kürzung. Zugleich überwandt die IGBCE die Grenzen traditioneller Tarifpolitik. Der innovative Tarifvertrag über Altersteilzeit aus dem Jahr 1996 sicherte Arbeitsplätze, der Vertrag zur Altersvorsorge schuf ein zusätzliches Standbein zur Rente. 

Der heimischen Steinkohle drohte wieder mal der Kahlschlag.  CDU und FDP wollten die vereinbarten Kohlehilfen drastisch zurückfahren, 60.000 der 85.000 Arbeitsplätze im Steinkohlenbergbau standen auf dem Spiel. Es kam zu einer einmaligen Aktion in der Geschichte deutscher Gewerkschaften. Rund 200.000 Menschen beteiligten sich am 14. Februar 1997 am „Band der Solidarität“, einer 93 Kilometer langen Menschenkette quer durch das Revier.  Das Ergebnis: Betriebsbedingte Kündigungen wurden abgewendet. 

Hoffnung setzte man auf die neue rot-grüne Koalition, doch ihre Agenda 2010 fand alles andere als die ungeteilte Zustimmung der deutschen Gewerkschaften.  

Schwierig entwickelte sich die Lage unter der späteren schwarz-gelben Koalition (2009–2013): Sie stellte wesentliche Errungenschaften in Frage. Die Antwort der IGBCE auf den neo-liberalen Zeitgeist bildete die Kampagne „Modell Deutschland – Zuerst der Mensch“. Die Konsequenzen marktradikalen Denkens führte die globale Wirtschafts- und Finanzkrise, die schon 2007 begonnen hatte, vor Augen. Ganze Volkswirtschaften standen vor dem Ruin. Der von der IGBCE angestoßene „Pakt für Beschäftigung und Stabilität“ trug wesentlich dazu bei, Standorte zu sichern und Massenentlassungen zu verhindern. 

Dauerbrenner Energiepolitik. Wieder einmal drohte das Ende des Steinkohlenbergbaus – dieses Mal durch die EU. Die IGBCE wollte sich aber den 2007 vereinbarten Kompromiss nicht zerstören lassen. Das von der EU angesagte Ende schon 2014 wurde abgewendet.  Das schmerzliche Enddatum lautete nun 2018. Aber es blieb dabei: Niemand fiel ins Bergfreie. 

Die Katastrophe von Fukushima wirbelte auch die deutsche Energiepolitik durcheinander. Kanzlerin Merkel verkündete 2011 den Ausstieg aus der Kernenergie bis Ende 2022. Der IGBCE-Vorsitzende mahnte: „Die Energiewende erfordert Anstrengungen wie bei der Mondlandung.“ Die IGBCE wolle zu ihrem Erfolg beitragen, warne aber vor Fehlern bei der Umsetzung. Es gelangt auf Druck der Gewerkschaft die energieintensiven Industrien zu entlasten, um besser im globalen Wettbewerb bestehen zu können und damit Arbeitsplätze zu sichern. 

Doch gerade um die Menschen am Arbeitsplatz kümmert sich die IGBCE. Die Politik beschloss die Rente mit 67, doch viele fragten sich, wie soll das im Zeitalter von Leistungsdruck und Arbeitsverdichtung gehen? Eine Antwort darauf bildete der Tarifvertrag Lebensarbeitszeit und Demografie. Die Beschäftigten sollen – so die IGBCE - über das Ende ihres Arbeitslebens mitbestimmen können. 

Neben den traditionellen Schwerpunkten Tarifpolitik und Sicherung der Beschäftigung rückten in den vergangenen beiden Jahrzehnten auch weitere wichtige Themen ins Zentrum gewerkschaftlicher Aktivitäten: „Work-Life-Ballance“ sollte nicht nur ein Stichwort bleiben. „Gute Arbeit“ wurde immer wichtiger. Die Aufgaben wurden erweitert, richteten sich noch stärker an den individuellen Bedürfnissen der Mitglieder aus. Die tarifliche Pflegeversicherung Careflex ist einzigartig in Deutschland. Das „Potsdamer Modell“ schafft für die Beschäftigten in der Nordostchemie flexible Arbeitszeitmodelle. Die „Bonusagentur“ bietet Angebote und Dienstleistungen für den Privaten Bereich. Klar, dass alle notwendigen Informationen im Internetzeitalter über eine eigene App „Meine IGBCE“ überall und jederzeit zugänglich sind. 

Nach 25 Jahren IGBCE, ist es Zeit eine Bilanz zu ziehen. Und die fällt positiv aus. Einige Beispiele: Die innovative Tarifpolitik, eine hervorragende Vernetzung national wie international sowie eine moderne Mitgliederorientierung sichern soziale Standards wie auch Arbeitsplätze. 

Die Aufgaben für die IGBCE bleiben aber auch weiterhin vielfältig und herausfordernd. Genügend Arbeit für eine erfolgreiche Zukunft. 

Weitere Informationen

IGBCE - 25 Jahre erfolgreich
Foto: © Elephantlogic
25 Jahre IGBCE

Im Herbst diesen Jahres feiert die IGBCE ihr 25-jähriges Bestehen. 25 Jahre, in denen wir gemeinsam mit dir und all unseren Mitgliedern vieles erreichen und mitgestalten konnten.