Nachhaltigkeit
Mehr als Ökologie

Im  21. Jahrhundert türmen sich nicht nur ökologische Herausforderungen auf, sondern auch soziale und wirtschaftliche. Deshalb müssen wir all diese Aspekte in den Blick nehmen, wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen. Wie lassen sich Berufe in Hinblick auf die Digitalisierung zukunftsfest machen? Wie kann Innovationsfreude gefördert werden? Wie lassen sich im Wettbewerb Sozialstandards aufrechterhalten? An Fragen wie diesen hängen die Zukunft des Industriestandorts, Millionen guter Jobs – und letztlich auch alle ökologischen Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit: Das ist eines dieser Buzzwords, ein Schlagwort mit Ausrufezeichen. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Die Ursprünge des Begriffs sind unklar, aber das hinter ihm stehende Prinzip, "nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann", etablierte sich im 18. Jahrhundert in der Forstwirtschaft. Hintergrund war seinerzeit ein massiv steigender Bedarf an Brennholz, etwa für die Salzgewinnung und den Silberbergbau.

Von Anbeginn ist der Nachhaltigkeitsbegriff an die Endlichkeit aller natürlichen Ressourcen geknüpft – und eine daraus erwachsende Verantwortung zum Maßhalten. Daran hat sich bis heute nichts geändert, sehr wohl aber an den Handlungsfeldern, die mit Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht werden. Während Nachhaltigkeit in der breiten Debatte vor allem gleichbedeutend mit "ökologischer Verantwortung" ist, beinhaltet der Begriff seit jeher auch eine soziale und ökonomische Dimension. Denn ursprünglich war Nachhaltigkeit weniger durch Umweltschutzgedanken motiviert, sondern eher durch die Sorge, dass bei zu exzessivem Waldverbrauch eine entscheidende Grundlage von Wirtschaft und Wohlstand zur Neige gehen könnte.

Im frühen 21. Jahrhundert, in der sich – nicht nur ökologische – Herausforderungen türmen, ist ein Nachhaltigkeitsbegriff, der auch soziale und wirtschaftliche Gesichtspunkte in den Blick nimmt, wichtiger denn je. Megaphänomene wie Digitalisierung und Industrie 4.0 führen zur Umwälzung der Arbeitswelt. Innovationszyklen werden kürzer, Berufe und Produktionsweisen verändern sich, neue Geschäftsmodelle entstehen, globalisierte Märkte verschärfen die Wettbewerbssituation. Aus dieser Gemegelage erwachsen Fragen von immenser sozialer und wirtschaftlicher Tragweite: Wie lassen sich Berufe in Hinblick auf die Digitalisierung zukunftsfest machen? Wie können Agilität und Innovationsfreude gefördert werden? Wie lassen sich im internationalen Wettbewerb hohe Sozialstandards aufrechterhalten? "An Fragen wie diesen hängen die Zukunft des Industriestandorts Deutschland, Millionen guter Jobs – und letztlich auch alle ökologischen Nachhaltigkeitsbemühungen", betont der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. "Denn wirtschaftliche Stärke und soziale Stabilität sind Voraussetzungen, um andere anspruchsvolle und kostenintensive Herausforderungen wie den Klimawandel meistern zu können."

Deshalb ist aus Sicht der IG BCE klar, dass Nachhaltigkeit über die grünen Aspekte hinaus komplexer gedacht und gemacht werden muss: als ein Dreiklang aus sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Verantwortung. Mit dieser Mission haben die IG BCE, der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und der Verband der Chemischen Industrie (VCI) 2013 die Initiative "Chemie3" ins Leben gerufen. Zu ihren Zielen gehören unter anderem die Verankerung von Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie, Sicherung und Weiterentwicklung von tariflich gebundener Arbeit, Schutz von Klima, Umwelt und Biodiversität, Ressourceneinsparung sowie die Achtung von Menschenrechten.

Damit "Chemie3" mehr ist als nur eine Bühne guter Absichten, wurden 40 Indikatoren ermittelt, anhand derer sich Nachhaltigkeitsfortschritte der Branche objektiv messen lassen. Der Umweltaspekt wird etwa über die Entwicklung bei Treibhausgasemissionen und der Effizienz von Rohstoffeinsatz ermittelt; Faktoren wie Forschungsinvestitionen und Bruttowertschöpfung wiederum geben Aufschluss über die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Die Entwicklung der sozialen Standards, ein Kernanliegen der IG BCE, wird unter anderem durch Indikatoren wie Mitbestimmung, Tarifbindung, Gesundheitsvorsorge, Investitionen in Aus- und Weiterbildung, Übernahmequote und lebensphasengerechte Arbeitszeitmodelle ermittelt. »Wir begrüßen, dass "Chemie3" durch gut gewählte und ausgewogene Indikatoren an Verbindlichkeit gewonnen hat. Fortschritte, aber auch Fehlentwicklungen bei der Nachhaltigkeit sind dank der Initiative glasklar identifizierbar. Damit hat "Chemie3" das Zeug zu einem Fortschrittsmotor: für den Klimaschutz, für die Innovationskraft der Branche und für gute, zukunftsfeste Jobs", lobt Michael Vassiliadis.

Auch Kai-Uwe Hemmerich, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Clariant, betont, dass Nachhaltigkeit verbindliche Standards braucht: "Deshalb ist Nachhaltigkeit bei uns schon seit vielen Jahren integraler Bestandteil der Unternehmenstrategie", betont Hemmerich. Der Spezialchemie-Konzern weist seine Nachhaltigkeitsziele auf einer sogenannten Materialitätsmatrix aus, die die einzelnen Handlungsfelder nach Relevanz aufschlüsselt. Weit oben stehen etwa "Innovation und technologischer Fortschritt" und "Umweltschutz und Ressourcen", aber auch "Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Wohlbefinden", also Aspekte mit sozialem Fokus. "Das Unternehmen setzt auf Transparenz und Mitwirkung. Betriebsrat und Belegschaft werden bei der Unternehmensentwicklung einbezogen", sagt Hemmerich. So gebe es für die Kolleginnen und Kollegen vielfältige Möglichkeiten sich einzubringen, etwa in Workshops oder durch Mitarbeiterbefragungen. "Wir als Betriebsrat sind dabei eine Art Dolmetscher. Wir achten darauf, das komplizierte Prozesse im Unternehmen verständlich und transparent vermittelt werden, damit die Kolleginnen und Kollegen auch wirklich mitreden können." CLARIANT mag ein Vorzeigebeispiel in Sachen Nachhaltigkeit und Mitarbeiterbeteiligung sein. Doch wie sieht es darüber hinaus aus? Dazu ließen die IG BCE und Arbeitgeberverband BAVC insgesamt 805 Beschäftigte der Branche befragen. Das jetzt von der IG-BCE-Stiftung Arbeit und Umwelt veröffentlichte Ergebnis zeigt, dass nahezu alle Teilnehmer eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung von Nachhaltigkeit haben. Nach der genauen inhaltlichen Besetzung des Begriffs gefragt, zeigt sich aber, dass fast ausschließlich ökologische Aspekte das Nachhaltigkeitsverständnis prägen. So verbinden 98 Prozent der Teilnehmer "umwelt- und ressourcenschonendes Handeln" mit Nachhaltigkeit, aber nur 45 Prozent "soziale Gerechtigkeit" und lediglich 28 Prozent "wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit".

Bemerkenswert ist, dass die Wahrnehmung sozialer und wirtschaftlicher Facetten zwischen tariflich Beschäftigten und Mitarbeitern aus Unternehmen ohne Tarifbindung stark differiert. Während in Unternehmen mit Flächentarif soziale Gerechtigkeit (47 Prozent) und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit (31 Prozent) relativ deutlich als Nachhaltigkeitsaspekte wahrgenommen werden, sind es in Betrieben ohne Tarifbindung lediglich 37 respektive 24 Prozent. Über das Nachhaltigkeitsverständnis hinaus wurde ermittelt, wie es um die betriebliche Praxis, die "gelebte" Nachhaltigkeit steht. Auch hier ergibt sich zunächst ein positives Bild: Initiativen zur Förderung von Innovationen, Programme für Ressourceneffizienz werden, wie auch berufliche Weiterbildungsmaßnahmen, nach Aussagen der meisten Befragten von den Unternehmen mehr oder weniger stark unterstützt. Der zweite Blick offenbart allerdings abermals ein deutliches Gefälle – diesmal zwischen großen sowie kleinen und mittleren Betrieben. Eklatant sind die Unterschiede zwischen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und solchen mit bis zu 250 Beschäftigten etwa in den Bereichen Innovation (32 Prozent "starke Unterstützung" gegenüber 14 Prozent), Ressourceneffizienz (36 beziehungsweise 20 Prozent) und Weiterbildungsangeboten (32 beziehungsweise 11 Prozent).

Und noch eine Erkenntnis liefert die Befragung: In Unternehmen, die sich besonders um soziale Nachhaltigkeit bemühen, stimmt zumeist auch das Betriebsklima. Denn neben gutem Gehalt werden Mitbestimmung, attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten und eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben als herausragende Faktoren wahrgenommen: für eine wirklich nachhaltige Zufriedenheit mit dem Job.