Diversity Lab

Diskussionen ohne Barrieren

Die IGBCE lädt zur ersten bundesweiten Veranstaltung zum Thema Vielfalt ein: Am 25.11. versammelten sich mehr als hundert Menschen aus ganz Deutschland in der IGBCE Hauptverwaltung, um ihre Themen aus den Bereichen Rassismus und Antidiskriminierung, der Gleichstellung von Frauen und LSBTIQ* zusammenzubringen.

IGBCE-Diversity-Lab
Foto: © Nicole Strasser

Bunte Sitzsäcke und Luftballons schmücken das Foyer, farbige Schilder führen zu den einzelnen Workshops und Stehtische füllen die Gänge, auf denen zur Meinungsäußerung zu verschiedenen Themen eingeladen wird. Viele Stimmen beleben die Räume und füllen sie mit einem Gefühl von Gemeinschaft zwischen allen Altersgruppen und Geschlechtern – das war der vorherrschende Eindruck, wenn man am Samstagvormittag in die Hauptverwaltung der IGBCE spazierte.

Mehr als 100 Teilnehmende haben sich am 25.11. dort zum ersten Diversity Lab versammelt, um Themen wie LSBTIQ*, Migration und die Gleichstellung von Frauen miteinander zu diskutieren, einander Raum zum Austausch zu bieten und sich weiterzubilden.

Eingeleitet wird die Veranstaltung mit Grußworten von den Verantwortlichen der IGBCE, anschließend bietet Stand-Up-Comedienne und TV-Persönlichkeit Negah Amiri einen kulturellen Einstieg ins Thema. Auf humorvolle und leichte Art vermittelt die gebürtige Iranerin ihre Erfahrungen zu Sexismus und Migration und setzt damit auch den Ton für den Rest des Tages: Obwohl ernste Themen diskutiert werden, bleibt die Stimmung herzlich und solidarisch. Über den Tag hinweg gibt es dafür eine Vielzahl an Angeboten, die die Teilnehmenden wahrnehmen können, aufgeteilt in die parallel stattfindenden Programmsäulen „Aktionswerkstatt“, „Ideenwerkstatt“ und die sogenannten „Good Practice Pitches“.

Heiko Cullmann ist freigestellter Betriebsrat bei der BASF Ludwigshafen und betätigt sich in der „Aktionswerkstatt“ des Diversity Lab, die von zwei Vertreterinnen der Gruppierung „radikale Töchter“ geleitet wird. Die Betriebsräte würden sich bereits für Diversität einsetzen, erklärt der 44-Jährige, das Problem läge jedoch darin, „die nötige Aufmerksamkeit darauf zu lenken“. Genau das möchte er von den politisch aktiven und kreativen „radikalen Töchtern“ in ihrem Workshop für Aktionskunst lernen.

Die 29-jährige Sarah Gansemer engagiert sich währenddessen in der Ideenwerkstatt, um einem persönlichen Anliegen Gehör zu verschaffen. Sie ist der Meinung, dass neben Sonderurlaub für den Tag der Geburt auch der Tag einer Adoption in Tarifverträgen berücksichtigt werden sollte, weil die Hürden für eine Adoption ohnehin hoch genug seien. Sie betont, dass das Problem nicht nur gleichgeschlechtliche, sondern auch heterosexuelle Paare betrifft. „Egal in welcher Situation es für mich möglich wäre, ein Kind zu adoptieren, ich müsste nach aktueller Regelung auf Kulanz hoffen.“ In den Diskussionen der Ideenwerkstatt kommen unter anderem auch Themen wie Mobbing und mentale Gesundheit auf. Der Konsens lautet: weniger Stigmatisierung, mehr Sensibilisierung.

Sarah Gansemer

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„Egal in welcher Situation es für mich möglich wäre, ein Kind zu adoptieren, ich müsste nach aktueller Regelung auf Kulanz hoffen.“

In der dritten Programmsäule mit dem Titel „Good Practice Pitches” werden gelungene Beispiele vorgestellt, bei denen Vielfalt bereits im Betrieb umgesetzt wurde. Anschließend spaltet sich die Gruppe in drei intensive Workshops auf, die jeweils von fachkundigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern geleitet werden. Angeboten werden unter anderem die Themenbereiche „Rechtsextremismus im Betrieb“ oder „sexuelle Belästigung“. Im Workshop „Outing im Betrieb“ eröffnet Workshopleiterin Nathalie Niemuth vom Gendertreff e.V. mit einer Diskussionsrunde zu Schwierigkeiten von LSBTIQ*-Persönlichkeiten im Arbeitsalltag.

„Alle fragen immer nur: Auf welche Toilette gehst du dann?“, erzählt eine Teilnehmerin über ihr Outing als Transfrau. Einige andere Teilnehmer*innen schalten sich mit ähnlichen Erfahrungen ein. Diskutiert werden auch die Ängste vor dem Outing und die Wünsche an einen Umgang damit. Nathalie Niemuth hat sich selbst erst mit 42 Jahren in ihrem Arbeitsumfeld als Transfrau geoutet. Die Angst und Einsamkeit, die so ein Geheimnis mit sich bringen kann, kenne sie nur zu gut: „Schon auf dem Parkplatz. Kaum kommen Leute, mache ich die Autotür wieder zu. So viel Angst war das. Jetzt, sobald man das Thema anstößt, rede ich den ganzen Tag darüber. Weil es auch so wichtig ist, dass darüber gesprochen wird.“

Nathalie Niemuth

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Kaum kommen Leute, mache ich die Autotür wieder zu. So viel Angst war das.

In einer abschließenden Präsentation der Ergebnisse betonen die Teilnehmenden, wie viele Gedankenanstöße sie aus dem Tag mitgenommen haben. Sarah Gansemer berichtet, dass sie die Rückmeldung erhalten hat, mit ihrem Einsatz für einen Sonderurlaubstag zur Adoption „den besten Stein gelegt“ zu haben, um eine Veränderung zu bewirken.

Die Organisator*innen vom Veranstaltungsservice der IGBCE und der Abteilung Frauen/Diversity freuen sich über das sehr positive Feedback. „Was mich besonders stolz gemacht hat ist, dass Solidarität auch unter den verschiedenen Gruppen funktioniert. Dass wir hier mit queeren Menschen über Rassismus und mit Menschen mit Migrationshintergrund über sexuelle Belästigung diskutieren, und es da keine Barrieren gibt.“, erklärt Jennifer Mansey, Leiterin der Abteilung Frauen/Diversity. Das Event sei ein Experiment gewesen, man ist sich jedoch einig, dass es geglückt ist. Sabine Winterwerber, ebenfalls von der Abteilung Frauen/Diversity und Hauptorganisatorin der Veranstaltung, ergänzt: „Ich bin überrascht, wie gut es gelungen ist.“

Die Gäste sahen das ähnlich. Aus ihrem Feedback wird deutlich: Wir brauchen mehr solcher Events! Die Teilnehmer*innen haben noch viele weitere Themen in petto, die sich auch für eine Fortsetzung in einem 2. Diversity Lab der IGBCE eignen.


Bilder aus dem Diversity Lab