Inflation

Das Bollwerk höher bauen

Die Preise steigen weiter rasant, zehn Prozent Inflation sind im Herbst wahrscheinlich. „Es ist unsere verdammte Pflicht, die Folgen für die Menschen so klein wie möglich zu halten“, sagt der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Was jetzt zu tun ist.

Das Geld ist knapp
Foto: © iStockphoto/lovelyday12

Die kurzzeitige Entspannung ist verpufft, die Teuerungsrate kratzt schon wieder an der Acht-Prozent-Marke. Nach zwei Monaten mit rückläufigen Werten sprang sie im August auf 7,9 Prozent. Volkswirte machen den Menschen wenig Hoffnung: Sie erwarten in den kommenden Monaten zweistellige Inflationsraten. Zumal mit dem 1. September Tank-Rabatt und 9-Euro-Ticket wieder Geschichte sind.

„Diese Gesellschaft steht vor dem größten Stresstest seit Jahrzehnten“, sagt der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. „Die soziale Frage ist mit voller Wucht zurückgekehrt.“ Seit Monaten sind Energie und Lebensmittel die größten Inflationstreiber. Der russische Angriff auf die Ukraine sowie Lieferengpässe haben die Lage noch verschärft. Im August kosteten Heizöl, Kraftstoffe und Strom vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zufolge in der Summe 35,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Auch Nahrungsmittel verteuerten sich mit 16,6 Prozent überdurchschnittlich.

„Die Menschen in diesem Land können für all das nichts“, sagt Vassiliadis. Gleichwohl hätten sie die Folgen zu tragen. Viele bringe das an den Rand ihrer Möglichkeiten – besonders die Armen, aber längst nicht nur sie. „Wir reden von der breiten Masse – von der Chemie-Laborantin, dem Papiertechnologen, der Pharma-Referentin“, beschreibt es der IGBCE-Vorsitzende.

Die Inflationsrate in Deutschland

Inflation: Prognose der Deutschen Bundesbank für Herbst 2022

Der Verlauf der Inflationsrate in Deutschland seit Juli 2020. Für den Herbst 2020 rechnet die Deutsche Bundesbank mit einer Teuerungsrate von zehn Prozent. 

Foto: © IGBCE/Markus Köpp

Höhere Teuerungsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern. Lohnsteigerungen werden von der Inflation mehr als aufgezehrt. Unter dem Strich haben die Menschen weniger Geld in der Tasche. Im zweiten Quartal beschleunigte sich der Reallohnverlust auf 4,4 Prozent. Viele schränken ihren Konsum bereits ein, um den täglichen Bedarf bewältigen zu können.

Die Entlastungspakete des Staates hatten zumindest kurz für Entspannung gesorgt. Der auf drei Monate befristete Tankrabatt sowie das 9-Euro-Ticket für den öffentlichen Personennahverkehr dämpften den Preisauftrieb etwas. Beide Maßnahmen sind jedoch Ende August ausgelaufen. Allein deshalb dürfte nach Einschätzung von Ökonomen die Teuerung weiter anziehen. Die Bundesbank hält im Herbst sogar zehn Prozent für möglich.

Solche Inflationsraten gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern muss man bis in den Winter 1973/1974 während der Ölkrise zurückgehen, um ähnlich hohe Werte zu finden.

Michael Vassiliadis

Michael Vassiliadis, IG-BCE-Vorsitzender
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"Es ist unsere verdammte Pflicht, die Folgen für die Menschen so klein wie möglich zu halten."

„Es ist deshalb die verdammte Pflicht von Politik, Notenbanken und auch von Arbeitgebern und Gewerkschaften als Sozialpartner, die Folgen dieses Dramas für die Menschen so klein wie möglich zu halten“, so Vassiliadis. Die IGBCE hatte schon vor dem russischen Angriffskrieg ein gesamtgesellschaftliches Bollwerk gegen die Inflation gefordert. Vassiliadis‘ Zwischenfazit: „Alle arbeiten daran, dass etwas Standfestes entsteht. Aber wir werden es noch stabiler und höher bauen müssen.“ So hat die Bundesregierung inzwischen ein drittes Entlastungspaket im Gesamtvolumen von 65 Milliarden Euro vorgelegt.

Für die IGBCE stehen nachhaltige, also tabellenwirksame Entgeltsteigerungen im Mittelpunkt der Tarifrunden im Herbst, etwa bei der Papier- oder der Chemieindustrie. Bei letzterer waren die Verhandlungen wegen der großen Unsicherheiten direkt nach Beginn des russischen Angriffskriegs im Frühjahr ausgesetzt worden. Die Beschäftigten erhielten dafür zunächst eine Brückenzahlung in Höhe von 1400 Euro pro Kopf und unabhängig von ihrer Entgeltgruppe.

Aber Mitte Oktober, wenn sich die Tarifparteien zur dritten Verhandlungsrunde auf Bundesebene treffen, „wollen unsere Mitglieder zurecht dauerhaft wirkende Entgeltzuwächse sehen“, umschreibt es der IGBCE-Vorsitzende. Denn die 580.000 Beschäftigten, für die die IGBCE in der Chemie verhandelt, erlebten im Privatleben, wie ihnen das Geld täglich schneller durch die Finger rinne. Und im Job erlebten viele von ihnen einen Arbeitgeber, der seine Preissteigerungen schlicht durchreiche und dabei noch die Gewinnmargen steigere.

„Bis heute ist die Branche gut ausgelastet und verdient überwiegend glänzend. Daran wollen die Beschäftigten – in diesen Tagen erst recht – ihren fairen Anteil“, so Vassiliadis. Deshalb bleibe der Forderungsbeschluss der Bundestarifkommission aus dem Februar, der eine Kaufkraftsteigerung für die Menschen vorsieht, auch weiterhin Maßstab.

Zusätzlich zu tabellenwirksamen Entgeltsteigerungen bringt Vassiliadis eine zeitlich befristete Zulage ist Spiel, die die Arbeitgeber finanzieren und die der Staat steuer- und abgabenfrei stellt. Dieses „tarifliche Entlastungsgeld“ könnte analog zur geplanten Mehrwertsteuersenkung beim Gas und zur Gasumlage von Oktober 2022 bis März 2024, also für anderthalb Jahre, gezahlt werden. Der Staat könnte für die Steuerfreiheit ähnlich wie einst beim Corona-Bonus eine Obergrenze festlegen, die Verhandlungen über die konkrete Höhe des tariflichen Entlastungsgelds führen dann die Tarifparteien.

„Das wäre für die Beschäftigten eine Entlastung, die den Namen auch verdient“, sagt der IGBCE-Vorsitzende. Und für Staat und Wirtschaft blieben die finanziellen Auswirkungen zeitlich begrenzt – immer unter der Voraussetzung, die Lage an den Energiemärkten habe sich in anderthalb Jahren tatsächlich entspannt. Die Bundesregierung hat diesen Vorschlag bereits aufgegriffen: Das dritte Entlastungspaket sieht unter anderem ein  Angebot an die Tarifpartner vor, 3000 Euro zusätzlicher Zahlungen von Unternehmen an ihre Beschäftigten steuer- und abgabenfrei zu stellen. „Wir sehen darin eine massive Unterstützung unseres Vorschlags", so Vassiliadis.

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