Corona-Krise
Ein Stresstest für die Betriebe und die Mitbestimmung

Die Auswirkungen der Corona-Krise sind kaum zu überschauen. Nicht nur medizinisch, sondern auch wirtschaftlich und gesellschaftlich. Viele dieser Folgen werden mit voller Wucht erst in den kommenden Wochen und Monaten durchschlagen.

Coronavirus
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Mit einem verhältnismäßig harmlosen Anzeichen der Krise dürfte indes nahezu jeder bereits konfrontiert worden sein: Den Auswirkungen des Hamsterns von Toilettenpapier. Entsprechend leer sind die entsprechenden Drogerieregale in diesen Zeiten. Kein Wunder, dass man bei Essity, einem führenden Hersteller von Hygienepapieren, drastisch erhöhte Nachfrage verzeichnet. "Die Produktion ist bis zum Anschlag ausgelastet", sagt der Konzernbetriebsratsvorsitzende Frank Gottselig.

Noch nie seien am Standort Mannheim derart viele Paletten mit Toilettenpapier verladen worden. Hunderte Lkw verlassen täglich vollbeladen das Werkgelände, die Produktion läuft Tag und Nacht. "Wir versuchen derzeit, die Kapazitäten bestmöglich auszulasten und Umstellungen oder Produktwechsel an den einzelnen Anlagen zu minimieren", erklärt Gottselig. Sorgen, dass das heiß begehrte Sanitärpapier absehbar zur Neige geht, muss sich derzeit niemand machen, versichert der Betriebsratsvorsitzende. "Zum einen sind wir als systemrelevanter Betrieb eingestuft, können also trotz der herrschenden Restriktionen weiterproduzieren, zum anderen geben die Kollegen wirklich alles", betont Gottselig.

Einfach sei die Aufrechterhaltung des Normalbetriebs freilich nicht. "Natürlich müssen auch wir auf maximalen Gesundheitsschutz und einzuhaltende Sicherheitsabstände achten, das führt zu Veränderungen bei Schichtplanung und Arbeitsabläufen", sagt Gottselig. Zudem bestehe derzeit erhöhter Regelungsbedarf. Dafür seien an allen Standorten Krisenstäbe unter enger Einbeziehung der Betriebsräte gebildet worden. "Wir arbeiten derzeit an etlichen Betriebsvereinbarungen, die in dieser Situation Sicherheit und Verbindlichkeit für die Beschäftigten schaffen." Wesentliches Ziel in den nächsten Monaten sei es, dass möglichst kein Kollege in Kurzarbeit geschickt werden muss. "Ich gehe davon aus, dass wir das hinbekommen. Aber natürlich drängt der Betriebsrat darauf, auch diesen Fall schon jetzt vorausschauend zu regeln, um möglichen Einbußen für die Kollegen vorzubeugen", betont Gottselig.

Starke Mitbestimmung für Stabilität in der Krise: Das ist auch ein zentrales Thema beim Pharmahersteller Merck in Darmstadt. Dort greift der Betriebsrat auf die Möglichkeiten des Paragrafen 28 a im Betriebsverfassungsgesetz zurück, der es Betriebsräten erlaubt, externe Gremien und Experten einzubinden, so auch die IG-BCE-Vertrauensleute. "Dadurch können wir immer auf einen beschlussfähigen Ausschuss zurückgreifen", erklärt Andreas Becker, Vertrauenskörpervorsitzender und Betriebsrat bei Merck. "Zum Glück haben wir viel Erfahrung im Umgang mit 28 a-Ausschüssen und auch eine entsprechende Vertrauenskultur. Aktuell haben wir drei voneinander zeitlich getrennte Betriebsausschüsse gebildet, die die operativen Aufgaben des Betriebsrats in der Corona-Krise sicherstellen", erläutert Becker. Dass man bei Merck auf einen engen Schulterschluss von Betriebsrat und Vertrauensleuten setzte, mache sich gerade jetzt, in der Krise, bezahlt. Denn schließlich seien die Vertrauensleute näher dran. "Die Vertrauensleute sind die Konstante im Betrieb, sie bringen ein Stück Ruhe und Verlässlichkeit in die gegenwärtige Situation", bringt es Becker auf den Punkt. Wie wichtig das jetzt ist, wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, in welch atemberaubenden Tempo die Pandemie die Arbeitswirklichkeit der Kollegen in den IG-BCE-Branchen verändert. Landauf, landab ermöglichen Arbeitgeber den Beschäftigten, wo immer dies technisch möglich ist, Homeoffice. So manche Internetleitung schwächelt angesichts einer massiven Häufung von Skype-Konferenzen.

Nahezu alle Dienstreisen sind gecancelt worden. Dort, wo "Heimarbeit" nicht möglich ist, sind die gesundheitlichen Schutzmaßnahmen ausgeweitet worden: Teams werden geteilt, um sicherzustellen, dass im Ernstfall immer genug Kollegen einsatzfähig bleiben. Einzuhaltende Mindestabstände erfordern, dass Produktionsanlagen buchstäblich umgebaut oder die Anzahl der dort tätigen Kollegen reduziert werden muss. Herausforderungen neuen Ausmaßes wirft die Corona-Welle auch für Außendienstmitarbeiter auf, gerade im sensiblen Medizinbereich: "Die Kolleginnen und Kollegen bewegen sich üblicherweise in Krankenhäusern, Arztpraxen und Apotheken, also in besonders risikoreichen Umfeldern. Dadurch sind sie gefährdeter als andere Berufsgruppen und könnten zudem zu Multiplikatoren des Virus werden", sagt Michael Westmeier, Betriebsratsvorsitzender von Bayer Vital, der Pharma-Vertriebssparte des Weltkonzerns. Entsprechend arbeiteten auch die rund 700 Außendienstmitarbeiter von Bayer Vital bis auf Weiteres von zu Hause.

Auch die Hygienevorschriften werden immer strenger: "Bei uns wurden schon im Januar die Maßnahmen zur Desinfektion der Hände hochgefahren und Besuche von Lieferanten abgesagt", berichtet Jan Wollatz, Betriebsratsvorsitzender bei der Papierfabrik Mitsubishi Papers in Flensburg. Inzwischen würden auch die Bedienelemente von Maschinen, Flurfahrzeugen und Gabelstaplern regelmäßig desinfiziert, um das Gesundheitsrisiko zu minimieren. Zu unternehmensinternen Herausforderungen kommen in einigen Betrieben Lieferengpässe, zumal aus dem Land, in dem die Corona-Krise begonnen hat. "Probleme bei der Zufuhr von Rohstoffen aus China gibt es seit Januar generell in der Papierindustrie. Zurzeit kommen die Container gar nicht aus den Häfen und viele Fabriken arbeiten dort nicht", erläutert Jan Wollatz. Noch sei die Produktion gesichert, doch jede Woche, die die Krise andauere, verschärfe die Situation.

"Auch bei Stada ist man sich der Rohstoff- und Lieferkettenproblematik bewusst – und analysiert die Situation sehr genau", sagt Virginia Taron, Betriebsratsvorsitzende des Pharmaherstellers mit Stammsitz in Bad Vilbel. Zum Glück sei das Unternehmen bezüglich seiner Rohstoffquellen breit aufgestellt: "Richtig ist zwar, dass China und Indien auch für Stada von zentraler Bedeutung sind, aber wir haben auch in diesen Ländern verschiedene Produzenten, um Ausfallrisiken zu minimieren." Zudem habe der Generika-Spezialist ein weltweites Produktionsnetz, das noch über ausreichende Vorräte verfüge, um erste Engpässe zu überbrücken. "Dennoch zeigt uns die Corona-Krise, dass wir für die Lieferketten-Thematik über Lösungen und politische Rahmenbedingungen nachdenken müssen, die den deutschen Herstellern langfristige Sicherheit geben." 

Mehr Sicherheit wünscht sich Taron dieser Tage auch bei der Betriebsratsarbeit. "Wir haben uns dazu entschieden, von Präsenzmeetings abzurücken und auf Videokonferenzen zu gehen", sagt Taron. Dies sei im Sinne der Gesundheitsvorsorge zwar unerlässlich, aber auch eine Erschwernis für die Betriebsratsarbeit.

Denn: "Rechtswirksame Beschlüsse können laut Betriebsverfassungsgesetz nur von den im Rahmen einer Betriebsratssitzung anwesenden Betriebsratsmitgliedern gefasst werden", erklärt Taron. Die Krise zeige, dass jetzt kurzfristige Betriebsvereinbarungen und langfristig veränderte gesetzliche Grundlagen für die Beschlussfassung erforderlich seien, um künftig für vergleichbare Extremfälle gewappnet zu sein. "Corona hat uns dafür sensibilisiert, dass wir über diese Krise hinaus über vielfältigere Beschlussmöglichkeiten nachdenken müssen, etwa per Umlaufverfahren oder Online-Konferenz", mahnt Taron an. Denn: "Gerade in der Krise ist Verlässlichkeit oberstes Gebot!"