Schließung des Conti-Werks in Aachen

„Ohne Rückgrat, Courage und Respekt“

Der Reifenriese Continental will auf Kosten der Belegschaft sparen und das profitable Reifenwerk in Aachen schließen. 1.800 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Bei einer Protestkundgebung kritisieren Betriebsrat und Beschäftigte die Ankündigungen scharf. 

Demo Continental Reifenwerk Aachen
Foto: © Markus Feger

Der Schock sitzt tief bei den 1.800 Menschen, die für Continental in Aachen arbeiten. Von einem Tag auf den anderen ist plötzlich ihre Existenzgrundlage in Gefahr. „Ich habe zwei Kinder und vor einem Jahr ein Haus gebaut“, sagt der 27-jährige Hakan einen Tag nach Bekanntwerden der neuen Sparpläne auf einer Protestkundgebung vor den Aachener Werkstoren. „Verliere ich jetzt meinen Job, verliere ich auch das Haus und muss meinen Kindern erklären, wieso wir vielleicht sogar in eine andere Region Deutschlands ziehen müssen.“ Über 1.000 Menschen versammelten sich vor dem traditionsreichen Betrieb in Aachen. Unter ihnen die Beschäftigten, aber auch Freunde, Bekannte und fremde Menschen, die sich mit der gezeichneten Belegschaft solidarisieren. „Mein Kumpel liebt seinen Job hier wirklich. Als ich gehört habe, dass er ihn verlieren soll, wusste ich deshalb sofort, dass er meine Hilfe braucht“, sagte einer der Unterstützer.

Kundgebung vor dem Continental Werk in Aachen
Foto: © Markus Feger

"Wir bauen ohne Ende richtig gute Reifen und trotzdem sollen wir alle vor die Tür gesetzt werden."

Jannis Tsivikis
Reifenbauer bei Continental in Aachen

Jannis Tsivikis gehört seit 25 Jahren zu der Belegschaft von Continental in Aachen. Bei der Kundgebung folgt der 53-jährige Reifenbauer gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen aus der Vulkanisierung den Reden von Betriebsrat und IG BCE. Von der Unternehmensführung ist niemand vertreten. „Da fehlt es einigen Wohl an Rückgrat, Courage und Respekt vor der Belegschaft. Das macht mich fertig“, sagt Jannis. Mit dem Reifenwerk in Aachen will der Continental-Vorstand einen Standort schließen, der nicht nur auf eine 90-jährige Geschichte zurückblickt, sondern auch modernste und besonders margenträchtige Reifen fertigt – etwa für SUV-Modelle. „Wir bauen ohne Ende richtig gute Reifen, das Werk sorgt seit Jahren für Gewinne und trotzdem sollen wir alle vor die Tür gesetzt werden. Das verstehe ich einfach nicht und lässt mich an meinem Verstand zweifeln“, so Jannis Tsivikis weiter.

Continental verschäft den Sparkurs

Die Pläne des zweitgrößten Autozulieferers der Welt gehören zu einem Anfang September angekündigten verschärften Sparkurs. Bisher waren viele Einzelheiten der Kürzungen bei Continental noch unklar. „Unser Abteilungsleiter hat gestern mit den Tränen gekämpft, als er uns über die Pläne informiert hat, von denen er selbst erst 15 Minuten vorher gehört hat“, erzählt eine Frau aus der Belegschaft, die emotional so berührt ist, dass sie lieber ungenannt bleiben möchte. „Da wird man noch nicht mal drauf vorbreitet und einfach eiskalt fallengelassen. Wir arbeiten uns hier Jahrzehnte den Buckel krumm und das ist der Dank. So geht man nicht miteinander um.“


 

Der Reifen-Bereich hat bei Continental lange Zeit zweistellige Gewinnmargen erzielt und selbst im vom Lockdown geprägten Frühjahr 2020 noch schwarze Zahlen abgeliefert. „Seit Jahren arbeiten die Kolleginnen und Kollegen 40 Stunden in der Woche ohne Lohnausgleich, haben die Gewinne aus Aachen die Expansion der Reifensparte weltweit mitfinanziert“, so der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Bruno Hickert. Und das solle nun der Dank sein? Der Konzern plane offenbar Teile der Produktion an Niedrigkostenstandorte zu verlagern. „Dieses Vorhaben trifft uns ohne jegliche Vorwarnung“, sagte der Betriebsratsvorsitzende des Werks, Udo Bohnhof. „In der Krise verfällt der Vorstand in längst überwunden geglaubte Managementmethoden. Das spricht zentralen Conti-Werten wie Vertrauen und Verbundenheit Hohn.“ Es könne nicht sein, dass die Beschäftigten florierender Sparten für Managementfehler im Autozuliefergeschäft bezahlen müssten, sagt Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE und des Aufsichtsrats von Continental. "Das wird auf allen Ebenen auf unseren Widerstand stoßen."

Francesco Grioli zur geplanten Werksschließung

Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE

Video: © Markus Feger

Weitere Informationen

"Zeit für Perspektiven bei Continental"

Der Konzernbetriebsrat hat gemeinsam mit IG BCE und IG Metall eine öffentliche Petition mit dem Titel „Zeit für Perspektiven bei Continental“ gestartet: „Lasst uns dem Vorstand zeigen, was Verbundenheit bedeutet! Zeichnet unseren Aufruf!“ sagen der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Hasan Allak, und sein Stellvertreter Lorenz Pfau.