Chemie-Zukunftskonto

Langzeitkonto, Fahrrad oder freie Tage

In den vergangenen Monaten haben die Betriebsratsgremien die Verwendungszwecke für das Chemie Zukunftskonto in Betriebsvereinbarungen verhandelt. Ein Blick in die verschiedenen Betriebe zeigt, aus welchen Optionen die Beschäftigten nun wählen können.

Junge Frau
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Nach dem Tarifabschluss Ende 2019 einigten sich IG BCE und Arbeitgeber auf die Einrichtung eines Zukunftsbetrags für die 580 000 Chemie-Beschäftigten. Dieser Betrag wird über die Jahre 2020 bis 2022 gestaffelt eingeführt und hat ab 2022 dauerhaft einen Wert von 23 Prozent eines tariflichen Monatsentgelts.

Acht unterschiedliche Zwecke können die Betriebe den Beschäftigten zur Verwendung des Chemie-Zukunftsbetrages zur Wahl stellen. Zwei müssen es laut Tarifvertrag mindestens sein. Diese Verwendungszwecke reichen von freien Tagen über Geld bis hin zur Altersvorsorge oder Langzeitkonten.

Aus welchen einzelnen Optionen die Beschäftigten der jeweiligen Unternehmen wählen können, haben die IG-BCE-Betriebsräte in den vergangenen Monaten in freiwilligen Betriebsvereinbarungen geregelt. Nur wenn sich Arbeitgeber und Betriebsrat nicht einigen, greift eine Auffangregelung. In dieser wird der Zukunftsbetrag jeweils zur Hälfte in Freizeit und in Geld gewährt.

Nach Ablauf der Verhandlungsfrist deshalb nun ein Blick in die Betriebe: Welche Regelungen haben die Betriebsrät*innen durchgesetzt? Aus welchen Verwendungszwecken können die Beschäftigten wählen? Wo gab es vielleicht Probleme? Wie läuft die konkrete Umsetzung in den Betrieben?

Sinischa Horvat, Betriebsratsvorsitzender BASF, Ludwigshafen:

„Sehr zäh liefen die Verhandlungen bei der BASF. "Gerade die Freistellung war extrem schwierig durchzusetzen", sagt Horvat, hinter dem ein monatelanger Verhandlungsmarathon erst zu Standortvereinbarungen und dann zum Zukunftskonto liegt: "Wenn es diesen Tarifvertrag nicht gäbe, hätten wir solche Lösungen nie betrieblich geregelt bekommen", hebt er hervor.

Durch die Größe der BASF SE mit den rund 34 500 Beschäftigten am Standort Ludwigshafen habe man den Anspruch gehabt, alle Komponenten, die möglich und sinnvoll sind, zu bedienen. Er betont: "Wir wollten eine Lösung, die auf uns zugeschnitten ist." Fünf verschiedene Optionen sind es am Ende geworden. Denn nicht jedes Modul machte Sinn. "Bei der Altersvorsorge waren wir zum Beispiel schon vorher firmenintern gut aufgestellt", sagt Horvat.

Geeinigt haben sie sich bei der BASF auf die einzelnen freien Tage und die Langzeitkomponente mit dem Wertkonto. Neben diesen beiden Zeitkomponenten steht den Beschäftigten das Gesundheitsmodul zur Wahl: Auf das Jobrad, ein Leasing-E-Bike, hatten sich Betriebsrat und Arbeitgeber schon im August geeinigt. "Wir wollten, dass die Kolleginnen und Kollegen die Sommersaison mitnehmen können", erklärt Horvat.

Seitdem haben schon über 1000 Beschäftigte die Option gewählt. "Dieser Riesenrun zeigt, dass wir damit am Puls der Zeit sind." Als Option angeboten wird auch die Pflegezusatzversicherung: Beschäftigte können das Geld für die Zusatzmodule nutzen. Auch eine Auszahlung des Geldes ist möglich.

Über die Weboberfläche, über welche die Beschäftigten sonst beispielsweise auch ihren Urlaub eintragen, können sie nun auch die Module für das Zukunftskonto wählen. „Das ist sehr komfortabel", sagt Horvat. Und die Rückmeldungen zeigen: „Bei den Beschäftigten kommt das sehr gut an."

Sinischa Horvat
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Karl Held, Betriebsratsvorsitzender AlzChem, Trostdorf: 

Für Held, der seit 22 Jahren freigestellter Betriebsrat ist, ist der Tarifvertrag mit dem Zukunftsbetrag vor allem eines, "ein tolles Instrument, um die Arbeitswelt modern und attraktiv zu gestalten". Er betont: "Die Möglichkeiten, die wir als Betriebsrat durch den TV an die Hand bekommen haben, sind hervorragend!" Darum habe er den Ehrgeiz gehabt, eine Betriebsvereinbarung mit möglichst vielen Verwendungszwecken zu verhandeln, damit die Beschäftigten entsprechend ihrer persönlichen Situation flexibel wählen können. Und nicht nur das: "Im Einklang mit dem Arbeitgeber sind wir überzeugt davon, dass wir mit dem Zukunftskonto im Wettbewerb um junge, qualifizierte Fachkräfte punkten können."

Auch aufgrund der Corona-Pandemie zogen sich die Verhandlungen über die Sommermonate, allein das Ausformulieren der umfangreichen Betriebsvereinbarungen nahm mehrere Wochen in Anspruch. Im Vorfeld führte der Betriebsrat eine Befragung der Gewerkschaftsmitglieder durch. "Wir hatten viele Rückläufer und haben ein sehr gutes Bild davon erhalten, wo die Schwerpunkte der etwa 1500 Mitarbeiter am Standort liegen", freut sich Held. Die überwiegende Mehrheit kreuzte als Wahlmöglichkeit das Langzeitkonto, die Freistellung und die betriebliche Altersvorsorge an. Er betont: "Diese Informationen haben uns dazu verholfen, Überzeugungsarbeit gegenüber dem Arbeitgeber zu leisten und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen bunten Blumenstrauß von insgesamt fünf Verwendungszwecken zur Verfügung stellen zu können." Zur Auswahl stehen Langzeitkonto, Freistellung, Qualifizierung, Altersvorsorge und Auszahlung.

Das Langzeitkonto gab es bei AlzChem bereits seit dem TV Demo, allerdings nur für den Verwendungszweck der Freistellung vor Bezug der Altersrente. Durch den Zukunftsbetrag konnte der Betriebsrat die Nutzungsmöglichkeiten des Langzeitkontos um zusätzliche Möglichkeiten, wie zum Beispiel Pflegezeit, Elternzeit sowie Sabbaticals, erweitern. "Zu den bereits bestehenden Langzeitkonten wurden in kurzer Zeit über 200 neue Verträge abgeschlossen", sagt Held. Angeboten wird bei AlzChem außerdem die Möglichkeit der Qualifizierung, die gerade für jüngere Leute sehr attraktiv sei. Im Gegensatz dazu wählen vor allem ältere Beschäftigte die Einbringung in die betriebliche Altersvorsorge"

Karl Held
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Sascha Held, Betriebsratsvorsitzender, Merck, Darmstadt: 

„Für die Jahre 2020 und 2021 haben wir die Corona-Option gezogen“, berichtet Held. Auf diese Option hatten sich IG BCE und Chemie-Arbeitgeber im März 2020 im Rahmen einer Pandemievereinbarung geeinigt. Laut dieser können freie Tage aus dem Zukunftskonto vorgezogen und schon im Jahr 2020 genutzt werden. Das sollte während des Lockdowns insbesondere Eltern von betreuungspflichten Kindern helfen.

Unternehmen, die wie Merck Corona-bedingt wirtschaftliche Schwierigkeiten haben, hilft es auch dabei, zum Beispiel Kurzarbeit zu vermeiden. Die freien Tage kann der Arbeitgeber laut Vereinbarung sogar anordnen. „Ein bisschen schräg ist das schon, weil wir eigentlich die Wahlfreiheit für die Beschäftigten vereinbart hatten“, findet Held. 

Andrerseits sei das aber kein Problem, weil eine Befragung unter IG-BCE-Mitgliedern zeigt: 80 Prozent wollen die Zeit. „Mit der Pandemievereinbarung trafen also zwei Interessen aufeinander“, sagt Held und betont: „Natürlich darf es die Freistellung aber nicht nur dann geben, wenn es dem Arbeitgeber gerade passt, sondern alle müssen freie Tage nehmen können, auch Beschäftigte in den Bereichen, in denen es gerade brummt.“ Dafür geben Held und seine Kolleginnen und Kollegen alles und sprechen mit den Produktionsleitern. Er betont: „Pauschal die freien Tage wegklatschen und das Geld einfach auszahlen geht natürlich nicht.“ 

Die Wahlmöglichkeiten ab dem Jahr 2022 wird Held mit seinem Team noch verhandeln müssen. Klar ist: „Wir werden uns für die fünf freien Tage als Wahloption einsetzen.“ 

Sascha Held
Foto: © Merck

Hussin El Moussaoui, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender Evonik Industries, Hanau:

Bei dem Spezialchemiehersteller sind Betriebsrat und Arbeitgeber schon in Februar mit den Verhandlungen zum Zukunftskonto gestartet. Im Mai stand das Eckpunktepapier, im September wurde die Vereinbarung unterschrieben. „Vor und immer wieder während der Verhandlungen fragten wir an allen Standorten deutschlandweit ab, welche Verwendungszwecke sich die Beschäftigten wünschen“, so El Moussaoui. Immer votierte der Großteil für die Freistellung und die Langzeitkonten. „Darauf haben wir in den Verhandlungen dann dementsprechend unser Hauptaugenmerk gelegt und es auch durchgesetzt“, erzählt er.

Und dieser Trend bestätigte sich auch bei der Wahl der insgesamt etwa 17.000 Beschäftigten: 54 Prozent wählten die Freistellung, 30 Prozent lassen sie ihr Geld auszahlen, 13 Prozent bringen es ins Langzeitkonto ein und drei Prozent nutzen es für die betriebliche Altersvorsorge. „Nach vielen Gesprächsrunden hatten wir mit dem Arbeitgeber den Konsens, diese vier Möglichkeiten durchsetzen“, so El Moussaoui. Auch der Arbeitgeber habe die Optionen letztendlich gut gefunden.  

Ebenso wie die Beschäftigten: „Unsere Verhandlungsergebnisse haben sie sehr wohlwollend aufgenommen und hatten großes Interesse daran“, sagt der 53-Jährige.  Auf Live-Events mit bis zu 1000 Teilnehmern hat das Betriebsrats-Team die verschiedenen Wahloptionen vorgestellt und Fragen beantwortet. Über die technische Abwicklung kümmert sich die Personalabteilung: Jeder Beschäftigte wurde angeschrieben und musste seine Verwendungszwecke schriftlich einreichen. 

Hussin El Moussaoui
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