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Chemie-Tarifrunde: "Arbeitgeber müssen jetzt Verantwortung übernehmen"

Die gut 100-köpfige Bundestarifkommission der IGBCE für die chemisch-pharmazeutische Industrie hat ihre bereits im Februar 2022 getroffene Forderung nach einer nachhaltigen Kaufkraftsteigerung für die 580.000 Beschäftigten in Deutschlands drittgrößtem Industriezweig bekräftigt. „Unser Beschluss ist heute aktueller denn je“, sagte IGBCE-Verhandlungsführer Ralf Sikorski. „Den Beschäftigten rinnt das Geld täglich schneller durch die Finger, gleichzeitig verdienen die meisten ihrer Arbeitgeber weiterhin gut.“

Chemie-Tarifrunde geht weiter auf Schwarz (1)

Ein Tarifabschluss in der Chemie sei nur denkbar, wenn er den Menschen eine dauerhaft wirkende Unterstützung gegen historisch hohe Teuerungsraten bieten könne, so Sikorski. Die Inflation habe längst alle Güter und Dienstleistungen erfasst. Daran habe auch die Chemieindustrie ihren Anteil – indem sie ihre Kostensteigerungen noch mit Margenaufschlägen weiterreichte. „Jetzt kommt es darauf an, dass die Arbeitgeber Verantwortung für ihre Beschäftigten übernehmen.“

Dass nachhaltige Entgelterhöhungen die Unternehmen noch zusätzlich belasten würden, sei ein hohles Argument, machte Sikorski klar. „Bei einem Personalkostenanteil von aktuell 12,3 Prozent an den Gesamtkosten sind auch höhere tarifliche Erhöhungen kein zusätzlicher Preistreiber“, rechnet der stellvertretende Vorsitzende der IGBCE vor. Deutliche Entgeltsteigerungen sind dringend notwendig, um angesichts einer drohenden Rezession die Binnennachfrage zu stärken und so einen wirtschaftlichen Abwärtsstrudel zu verhindern. Außerdem sei es unter den Sozialpartnern geübte Praxis, Ausnahmeregelungen für Not leidende Betriebe zu finden.

Darauf hatten sich beide Seiten auch nach zwei Verhandlungsrunden im April verständigt, als die Gespräche über nachhaltige Entgeltsteigerungen aufgrund der großen Unsicherheit nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine in den Oktober vertagt worden waren. Im Gegenzug erhielten die Beschäftigten eine Brückenzahlung in Höhe von 1400 Euro, unabhängig von der persönlichen Entgeltgruppe. Notleidende Betriebe konnten diesen Betrag auf 1000 Euro pro Kopf reduzieren. Davon hatten 149 von 1900 Betrieben Gebrauch gemacht. Nach einer Umfrage unter IGBCE-Betriebsräten ist auch aktuell die Lage bei der Mehrheit der Firmen noch immer gut. 61 Prozent der Befragten gaben an, dass es weder Produktionsdrosselungen, noch Personalmaßnahmen gebe.


„Natürlich hat sich die Lage in den vergangenen Monaten dramatisch zugespitzt“, sagte Sikorski. „Das gilt aber vor allem für unsere Leute.“ Allein die explodierenden Energiepreise dürften viele in den kommenden Monaten an den Rand ihrer Möglichkeiten bringen. „Das trifft besonders die Armen, aber längst nicht nur sie. Wir reden von der breiten Masse – von der Chemie-Laborantin, dem Anlagenführer, der Pharma-Referentin.“

Vor dem Hintergrund begrüßte der stellvertretende IGBCE-Vorsitzende die Bemühungen der Bundesregierung um Entlastung der Menschen und ihr Angebot an die Tarifparteien, eine Sonderzahlung von bis zu 3000 Euro steuer- und abgabenfrei zu stellen. „Das ist ein starkes Angebot, das jetzt schnell konkret ausformuliert werden muss.“ Die IGBCE hatte bereits die Idee eines tariflichen Entlastungsgelds ins Spiel gebracht, das zusätzlich zu tabellenwirksamen Entgelterhöhungen als zeitlich befristete Zulage gezahlt werden könnte.

Die dritte Verhandlungsrunde findet am 17. und 18. Oktober in Wiesbaden statt.

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Foto: © Andreas Reeg
Chemie-Tarifrunde

Die Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen steht im Zentrum der Tarifrunde der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Am 5. April wurde eine "Brückenlösung" gefunden, ein verantwortungsvolles Zwischenergebnis um die explodierenden Energiepreise und hohen Teuerungsraten auszugleichen und zugleich die Unternehmen in dieser schwierigen Lage nicht zu überfordern. Im Herbst wird weiter verhandelt.