Betriebsausflug

Wilder Westen Wietze

Vor mehr als 120 Jahren brach in Wietze das Erdölfieber aus. Hunderte Bohrungen veränderten das niedersächsische Dorf. Früher lag deshalb der Geruch von Öl in der Luft, heute erkunden Besucherinnen und Besucher das moderne Museum – und die naturnahe Region im Fahrradsattel.

Deutsches Erdölmuseum in Wietze
Foto: © Moritz Küstner

Bauernhäuser, Felder und Weiden, freie Straßen, gute Radwege – ein niedersächsisches Idyll: der Ort Wietze, benannt nach der Wietze, dem Fluss, der hier in die Aller mündet. Es gibt eine Grundschule, eine Polizeistation, ein Hallen- und Freibad sowie vier freiwillige Feuerwehren. Die Festnetznummern der gut 8.000 Einwohnerinnen und Einwohner sind vierstellig, Schützenfest und Kartoffelmarkt Highlights im Gemeindeleben. Das ist Wietze im Jahr 2023.

Der Beschaulichkeit geht eine bewegende Geschichte voraus: 1858/1859 begann hier eine der ersten Erdölbohrungen der Welt. Eigentlich hatte man damals nach Braunkohle gesucht. 1899 brachte eine Bohrung aus 140 Metern Tiefe frei fließendes Erdöl an die Oberfläche. In Wietze brach der Ölboom aus. Fortan prägten Bohr- und Fördertürme das Ortsbild.

Wietze gilt deswegen als Wiege der deutschen Erdölindustrie, war bis 1920 das produktivste Erdölfeld Deutschlands. Der Rohstoff hat die Menschen am südlichsten Rand der Lüneburger Heide geprägt.

Leben und arbeiten fürs Öl

Zu ihnen gehören auch Horst Sakautzky und Peter Höhne. Seit ihrer Ausbildung als Chemielaboranten in den 1960er-Jahren sind sie Mitglieder der IGBCE. Das zufriedene Leben ist beiden anzusehen. Sie sind auch im Ruhestand aktiv. Rentner Sakautzky fuhr gestern 160 Kilometer Fahrrad – ohne Motor. In 45 Jahren Berufsleben nahm er für seinen Arbeitsweg immer das Rad. Eine Strecke dauerte nur sechs Minuten, sodass er täglich die Mittagspause zu Hause verbrachte. Ein schönes, immer gleiches Ritual. Was sich in dieser Zeit oft verändert hat, ohne ihn je zu beunruhigen, das waren die Mineralölunternehmen auf seiner Gehaltsabrechnung. DEA, Texaco, RWE DEA, DEA und Wintershall DEA wechselten sich in der Führung ab. Sakautzky war das egal. Er hatte sein Leben dem Öl gewidmet.

Erdöl lässt sich auf drei Weisen fördern: primär über den natürlichen Druck in der Lagerstätte. Sekundär durch Injektion von -Wasser. Und tertiär durch die Hinzunahme von Chemikalien. Sakautzkys Leidenschaft galt der Chemie, der Tertiärförderung. Seine Frage: Wie verhält sich Öl, chemisch bearbeitet, in verschiedenen Lagerstätten?

Spielzeug, Werkzeug, Turnschuhe: Welche Rolle Erdöl im alltäglichen Leben spielt, erfahren Gäste im Museum.

Sakautzky engagierte sich nicht nur im Job, er war auch Vorstand der IGBCE-Ortsgruppe, Schriftführer im SPD-Vorstand und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Hochengagiert. „Flexible Arbeitszeiten sind der Schlüssel“, erklärt der dreifache Vater. „Ich habe immer gestempelt und Überstunden mit Freizeit ausgeglichen.“

Die Erdölindustrie veränderte das bäuerliche Wietze im 20. Jahrhundert radikal. Schnell entstanden eine Raffinerie, ein Ölbahnhof und -hafen, Feldbahngleise, Pipelines und Europas größter Öltank. Ölgesellschaften bauten Villen für Direktoren und Bohrmeister entlang der heutigen Bundesstraße 214. Ihren Beschäftigten errichteten sie eine Siedlung. In Neu-Wietze sieht man noch deren Zeppelin-Häuser mit markantem Zollingerdach, einem gewölbten Spitztonnendach zur optimalen Raumauslastung bei geringem Holzbedarf, aus den 1920er-Jahren.

Mittlerweile arbeitet hier fast niemand mehr in der Erdölindustrie – nur gelegentlich werden noch Proben in Wietze gezogen. Auch die Labore sind geschlossen. Heute sind die größten Arbeitgeber eine Baumschule und ein Schlachthof. Die meisten Menschen wohnen wegen der Natur hier. Sie pendeln nach Hannover oder Celle. Wietze sei „ein Schlafdorf geworden“, sagt Sakautzky.

Bergmännische Bohrungen

Bis 1963 wurde in Wietze durch Schacht und Stollen gefördert. Das zähflüssige, schmierige Schweröl sickerte aus den Wänden. Hier begann Peter Höhne 1960 seine Laborantenausbildung. „Was ich im Bergwerk erlebt habe – das gibt es auf der Welt nicht wieder“, sagt er, der als junger Mann in 200 Metern Tiefe der Ölsandlagerstätte Proben entnahm. Damals roch das Dorf nach Öl. „Das hat mir gefallen“, erzählt Höhne. Schon sein Vater war Bergmann, roch auch zu Hause nach Öl trotz Waschprozedur mit Petroleum. Das Öl kam aus seinen Poren.

Nach dem Ende der Ölförderung arbeitete er im Labor. „Ich war mein Leben lang im gleichen Unternehmen.“ Der tatsächliche Wechsel der Muttergesellschaften spielte auch für ihn keine Rolle. Arbeitskämpfe hat Höhne nie erlebt. „Wir hatten gute Haustarife. Verhandelt wurde das Nebenwerk wie Zuschläge und Urlaube.“

Wie Sakautzky kam auch Höhne täglich in der Mittagspause nach Hause. „Ich hatte ja Gleitzeit.“ Als die Winter schneereich waren, fuhr er auf Langlaufskiern durch den Wald zurück zur Arbeit. Auch Höhne ist verbunden mit der Gemeinde, war Vorsitzender des Dorfkulturkreises Handvoll Wieckenberger, ist aktives Mitglied im Verein Wietzer Fotofreunde, ebenso im Deutschen Erdölmuseum Wietze. Sein Vater hat dort gearbeitet, wo es heute steht. „Mehr als das Museum ist vom Erdöl aber nicht mehr zu sehen“, sagt Höhne.

Das Museum entstand auf dem früheren Ölfeld und wurde erst ehrenamtlich betrieben, dann professionalisiert. Seit 2015 leitet Dr. Stephan A. Lütgert das Haus. Er hat den Status der authentischen Fördereinrichtungen als Industriedenkmal erwirkt. „Das unterstreicht unseren überregionalen kulturhistorischen Wert“, sagt er. Die Ausstellung hat er für mehr als eine Million Euro modernisiert. Seit Mai präsentiert sich die Geschichte des Erdöls multimedial. „Dadurch ist die Verweildauer von einer halben Stunde auf zwei Stunden angestiegen“, erklärt er.


Dr. Stephan A. Lütgert, Museumsdirektor

Dr. Stephan A. Lütgert, Museumsdirektor
Foto: © Moritz Küstner

„Wir haben ein Denkmal vor der Tür und machen das Erdöl unsterblich.“

Der (Industrie-)Archäologe und Geograf kam wie viele frühere DEA-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter aus Berlin, um sich in Wietze der Geschichte des Erdöls zu widmen. Er sieht die Faszination über die Region hinaus: „Mehr als 70 Prozent unserer Gäste wohnen weiter als 50 Kilometer entfernt. Denn nirgendwo sonst in Mitteleuropa lässt sich die Erdölgeschichte so authentisch erleben.“

Wandern und Rad fahren rund um Wietze

Neben dem Museum sind die Wietzerinnen und Wietzer stolz auf ihre 1692 erbaute Stechinelli-Kapelle: von außen ein schlichtes Bauernhaus, im Inneren in italienischem Barockstil opulent verziert. Höhne hat den Schlüssel. Seine Kontaktzeiten stehen an der -Kirchentür.

Wer die Region erkunden will, hat viele Möglichkeiten: Einen guten Ausblick bietet der Ölberg – der durch Waschsand und Abraum der Förderung entstanden ist. Wanderungen führen durch die historische Kulturlandschaft Hornbosteler Hutweide oder die Lüneburger Heide. Auf dem Rad lässt sich die Gemeinde weiter entdecken – fest im Sattel und die Erdölgeschichte im Blick, zum Beispiel auf der 28 Kilometer langen Tour „Klein Texas – von Schwarzem Gold und grünen Weiden“. Sie führt durch Wietze, Wieckenberg, Jeversen und Hornbostel.

Guide Saalekaskade