1961–1990: Jahre des Umbruchs

30 Jahre mit vielen historischen Momenten: der Mauerbau, der erste Mensch auf dem Mond, der Kniefall Willy Brandts in Warschau. Dann krempelt die Ölkrise die Wirtschaft um. Das Beste kommt zum Schluss: die deutsche Einheit. Und mittendrin in den Jahren der Veränderung: die Gewerkschaften.

20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wird deutlich: Marktwirtschaftliches Handeln allein ist keine Garantie für eine funktionierende Wirtschaft. Plötzlich gibt es Struktur-, Konjunktur- und Wirtschaftskrisen. Auf Arbeitskräftemangel folgen Zeiten steigender Arbeitslosigkeit. Mit der ersten Großen Koalition, die ab Mitte der 1960er-Jahre regiert, greift erstmals der Staat – wie von den Gewerkschaften politisch gefordert – korrigierend ein. Denn der Ölboom und damit zusammenhängende Fehleinschätzungen führen zu einer starken Wirtschaftskrise im Steinkohlenbergbau: Zechenschließungen, Entlassungen, Kurzarbeit, Zukunftsangst. Die Regierung unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger zeigt Einsicht. Es kommt – gerade auch auf Drängen der IG Bergbau und Energie – 1968 zur Gründung der Ruhrkohle AG.

1960er: großer Streik für höhere Tarife

Ende der 1960er-Jahre kommt es aufgrund der starken Krisen in allen Branchen der IG Chemie-Papier-Keramik zu harten Tarifauseinandersetzungen und auch Streiks. In der Chemie ist die Lage besonders schwierig. Zu unterschiedlich sind die Interessen von Großunternehmen und kleineren Betrieben. Wer soll den Ton angeben? In den Konzernen findet sich manchmal ein Plus von bis zu 40 Prozent auf den Tarifvertrag. Das ist für die ganze Branche nicht erreichbar. Es bleibt ein schwieriger Weg, bis sich der Wert eines Flächentarifvertrags für alle durchsetzt. Die IG Chemie versucht mit einer neuen Strategie, der betriebsnahen Tarifpolitik, auf die neuen Anforderungen in der Sozialpolitik zu antworten. 1971 kommt es zum großen Streik in der Chemieindustrie. Er bringt eine Tariferhöhung von 7,8 Prozent und die Absicherung des 13. Monatsgehalts. Von vielen wird der Abschluss dennoch als Niederlage empfunden.

1970er: viele sozialpolitische Erfolge

Ölpreisschock und Weltwirtschaftskrise setzen 1973/74 dann andere Akzente. Dem Land droht eine Massenarbeitslosigkeit. Die Folge: Die Gewerkschaften verhandeln in den Tarifrunden den Erhalt von Arbeitsplätzen. Trotzdem kann sich die tarifpolitische Bilanz deutscher Gewerkschaften zwischen 1950 und 1974 sehen lassen: Die Reallöhne steigen um 364, die Nominallöhne gar um 727 Prozent. Trotz Ölkrise entwickeln sich die 1970er-Jahre unter den Regierungen von Willy Brandt und Helmut Schmidt zum Jahrzehnt sozialpolitischer Fortschritte. So steigen die Renten zwischen 1969 und 1976 um spürbare 103 Prozent. Hinzu kommen Verbesserungen im Arbeitsrecht, bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, ein neues Jugendarbeitsschutzgesetz und eine Rentenreform mit einem Anstieg der Kleinrenten. Die flexible Altersgrenze wird eingeführt. Bessere Chancen endlich auch für Arbeiterkinder: Dank BAföG muss das Studium nicht mehr am Geld scheitern.

1980er: massiver Sozialabbau

Die Ära unter Bundeskanzler Helmut Kohl ab 1982 bringt den massivsten Sozialabbau der Nachkriegszeit mit sich: Kürzung der Arbeitslosenunterstützung, höhere Zuzahlungen bei der Krankenversicherung, Aussetzung von Rentenerhöhungen, höhere Sozialversicherungsbeiträge und Wegfall des Schüler-BAföG. Es geht Schlag auf Schlag. Besonders die Änderung von Paragraf 116 des Arbeitsförderungsgesetzes zielt darauf ab, die Gewerkschaften bei Streiks bewusst zu schwächen. Doch der IG Chemie gelingt nach langem Ringen ein tarifpolitischer Durchbruch: Sie setzt 1988 einen Entgelttarifvertrag durch, der erstmals die Trennung zwischen Arbeitern und Angestellten aufhebt. Ein Meilenstein.

1990: die deutsche Einheit

Der wohl wichtigste Augenblick der deutschen Nachkriegsgeschichte: der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. IG Chemie, IG Bergbau und Energie und die Gewerkschaft Leder unterstützen den gewerkschaftlichen Erneuerungsprozess Ost mit Rat und Tat. Obwohl Bundeskanzler Kohl „blühende Landschaften“ prophezeit, machen sich viele berechtigte Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Am 1. Juli 1990 tritt die Wirtschafts- und Währungsunion in Kraft. Nun gelten auch Tarifautonomie, Streik- und Mitbestimmungsrechte sowie Kündigungsschutz in den neuen fünf Bundesländern. Der 3. Oktober wird ein großer Festtag: Hunderttausende feiern Deutschlands politische Wiedervereinigung.

1991–2000: Die Welt wird kleiner