1951–1960: Mitbestimmung im Wirtschaftswunderland

Das Wirtschaftswunder macht es möglich: Deutschland wird 1954 Fußballweltmeister, in Wolfsburg läuft 1955 der millionste VW Käfer vom Band und ab 1957 werden die Renten der jährlichen Einkommensentwicklung angepasst. Der Weg dahin ist nicht spannungsfrei: Der soziale Fortschritt wird hart erstritten.

Die Bundesrepublik Deutschland ist in den 1950er-Jahren auf dem Weg zum Wirtschaftswunderland. Das Wirtschaftswunder wird zwar von vielen bejubelt, aber es sind keine leichten Jahre für die Gewerkschaften. Es gibt immer wieder heftige Auseinandersetzungen um die Mitbestimmung, weil die Regierung Adenauer die weitreichenden Regelungen der Alliierten zurückdrehen will. Nur in der Montanindustrie – in der eisenerzeugenden Industrie und im Bergbau – gelingt es in den 1950er-Jahren, die paritätische Mitbestimmung in den Aufsichtsräten durchzusetzen. Das glückt allerdings erst, nachdem sich 90 Prozent der Beschäftigten bei einer Urabstimmung für Kampfmaßnahmen ausgesprochen haben. Ein Stahlmanager nennt die Montanmitbestimmung „das Ergebnis einer brutalen Erpressung der Gewerkschaften“. Die Reaktion: 800.000 Beschäftigte der Montanindustrie gehen auf die Straße. Der Manager gibt klein bei und entschuldigt sich. Auch das gibt es im Land des Wirtschaftswunders.

„Samstags gehört Vati mir“

Auch die anderen Gewerkschaften – allen voran die IG Chemie-Papier-Keramik – setzen sich für die Übernahme dieses Modells in ihren Branchen ein. Die politische Mehrheit in der noch jungen Bundesrepublik ist jedoch dagegen. Das gut ein Jahr später (1952) verabschiedete Betriebsverfassungsgesetz − mit deutlich begrenzten Einflussmöglichkeiten − findet dann weder die Zustimmung der Gewerkschaften noch der SPD. Dafür bekommt die Freizeit einen höheren Stellenwert: Dank gewerkschaftlicher Erfolge in Tarif- und Urlaubsfragen kann es sich jetzt ein Drittel der Bevölkerung leisten, in den Urlaub zu fahren. Und im Bergbau gelingt der erste Einbruch in den 8-Stunden-Arbeitstag: 1953 wird die 7,5-Stunden-Schicht vereinbart. Die Arbeitszeit in der Wirtschaft wird zu einer Kernfrage gewerkschaftlicher Forderungen. 1956 startet der DGB eine Kampagne mit dem Slogan „Samstags gehört Vati mir“. Die Perspektive: 40 Stunden und 5 Arbeitstage in einer Woche. Realität ist in der Wirtschaft aber immer noch die 45-Stunden-Woche mit Samstagsarbeit. Auch hier setzt der Bergbau Zeichen: 1959, lange bevor andere Branchen nachziehen, wird die 5-Tage-Woche eingeführt.

Der Marsch auf Bonn

Doch über der deutschen Steinkohle ziehen schwarze Wolken auf. Bergbaukrise! Es geht um Zehntausende von Arbeitsplätzen, vielen Arbeitern droht die Arbeitslosigkeit. Am 26. September 1959 kommt es zum legendären „Marsch auf Bonn“. 45 Prozent aller Busse in NRW und viele Rheinschiffe machen sich auf den Weg, um die Kumpel in die Bundeshauptstadt zu bringen. Ihr Motto: „Sicherheit statt Chaos“. Allein die Ankündigung der Demonstration mit 60.000 Bergleuten wirkt: Unmittelbar vor der Demo signalisiert die Bundesregierung ihre Bereitschaft zum Kompromiss. Somit ist der „Marsch auf Bonn“ einer der größten Erfolge der Gewerkschaften in der damals noch jungen Geschichte der Bundesrepublik.

1961–1990: Jahre des Umbruchs