1901–1910: für Wahrheit und Recht

Ein neues Jahrhundert beginnt – ein Aufbruch in eine neue Zeit? Das deutsche Kaiserreich gehört nun zu den führenden Industrienationen, der Kaiser träumt von der Weltmacht und die Gewerkschaften ringen um höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten.

Während Kaiser Wilhelm II. und Teile des Bürgertums von der politischen Weltmacht Deutschland träumen, verschlechtert sich die soziale und wirtschaftliche Lage vieler Arbeiter dramatisch: Bergarbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze, weil ihre Zechen schließen, die Gesundheitsbedingungen werden schlechter, die Grundnahrungsmittel teurer und die Reallöhne fallen unter das Niveau der Jahrhundertwende. Der „schlummernde Groll“, so Bergarbeiterführer Otto Hue, verwandelt sich in aktiven Protest und politischen Widerstand. Am 16. Januar 1905 beginnt der bislang größte Streik in der Bergarbeiterbewegung: 200.000 von 268.000 Bergleuten beteiligen sich daran. Die Arbeit ruht. Das Ruhrrevier steht still. Erst zehn Tage später ist der Streik beendet, nachdem die preußische Regierung angekündigt hat, das Bergrecht zu ändern. Der starke Widerstand mit Arbeitskampf hat Erfolg: Ende Mai 1905 wird die 8,5-Stunden-Schicht eingeführt, einschließlich der Ein- und Ausfahrt.

Zähes Ringen um kürzere Arbeitszeiten

Im Laufe dieses Jahrzehnts können sich die freien Gewerkschaften weiter etablieren. Sie haben aus der Arbeiterschaft jetzt mehr als eine Million Mitglieder. Ihre wichtigste Aufgabe bleibt, für ein ausreichendes Einkommen in der Arbeiterschaft zu sorgen. Ihr Engagement sorgt für mehr Geld im Portemonnaie: So steigt in der chemischen Industrie das durchschnittliche Jahreseinkommen von 814 Mark im Jahr 1890 auf 1.100 Mark zur Jahrhundertwende und auf 1.219 Mark im Jahr 1911. Doch die Preissteigerungsraten fressen die Lohnerhöhungen gleich wieder auf. Auch das Ringen der Gewerkschaftsbewegung um kürzere Arbeitszeiten außerhalb des Bergbaus verläuft zäh. Etwa zwei Drittel der Mitglieder müssen zehn Stunden täglich arbeiten, die anderen noch länger. Und Arbeiter, die arbeitslos werden, dürfen Anfang des 20. Jahrhunderts nicht auf den Staat oder die Politik hoffen. Eine Arbeitslosenversicherung gibt es noch nicht. Hierfür springen gewerkschaftliche Organisationen wie der Fabrikarbeiterverband ein. Er gewährt seit 1904 seinen Mitgliedern finanzielle Unterstützung – ein wesentliches Argument für die Mitgliedschaft. Zwei Jahre später feiert der Verband sein 100.000 Mitglied.

1911–1920: zwischen Weltkrieg und Revolution