Interview mit dem KI-Forscher Norbert Malanowski
"Menschliche Erfahrung ist kaum ersetzbar"

Norbert Malanoswki über Chancen und Risiken von künstlicher Intelligenz, über Gefahren für Arbeitnehmer und die Notwendigkeit, das Thema gewerkschaftlich offensiv zu bearbeiten.

Wo enden digitale Assistenten und wo beginnt künstliche Intelligenz (KI)?

Zu den digitalen Assistenten gehören Wearables, also Datenbrillen, Tablets oder  Smartphones mit funktional klar definierten Apps. Demgegenüber sind künstliche  Intelligenzen (KI) Computersysteme, die Aufgaben nicht streng nach einem programmierten Algorithmus abarbeiten, nicht nach konkreten Regeln vorgehen. KI müssen mit großen Datenmengen trainiert werden und sind auf dieser Grundlage in der Lage »Entscheidungen« zu treffen. Das ist anders als bei einem klassischen Algorithmus, der eher wie eine Aufbauanleitung für ein Regal funktioniert: Mit konkreten Aufgaben, die es nach und nach zu erledigen gilt.

Wann könnten solche Systeme für uns gefährlich werden, weil sie Dinge tun, die wir nicht mehr nachvollziehen können?

Momentan wird die öffentliche Debatte dominiert von sogenannter intelligenter KI. Bei Veranstaltungen werden gern Videos eingespielt, in denen wie im Film »Terminator« Maschinen dem Menschen überlegen sind. Wir reden aber heute eher von sogenannter schwacher KI, die aber auch schon recht intelligent ist. Einfache KIs sind eine Insellösung. Die KI »Alpha-Go« ist etwa großartig darin, einen Go-Weltmeister zu schlagen. Wird aber das Spielfeld verkleinert, ist das zwar für den Menschen kein Problem, für die KI aber sehr wohl. Was gar nicht funkioniert: Dass »AlphaGo« den Schachweltmeister schlägt, weil die KI eben darauf trainiert ist, Go zu spielen und nicht Schach.

Wo kommt KI in den Branchen der IG BCE zum Einsatz?

Im Einsatz, aber teils auch noch in der Experimentierphase, findet sich KI in der chemischen Industrie im Bereich Predictive Maintenance, der vorausschauenden Wartung. Darüber hinaus sind KI in Forschung und Entwicklung im Einsatz. Der Supercomputer Quriosity von BASF arbeitet mit sogenannten Super-Apps. Ein Mensch, der einen herkömmlichen Computer nutzt, kann etwa nicht annähernd so schnell Simulationen durchspielen. Was früher Tage oder Wochen dauerte, wird heute in  Minuten realisiert.

Wo sehen Sie Gefahren für Arbeitnehmer?

Gegenwärtig wird nur marginal darüber diskutiert, was KI konkret für Arbeitsplätze in Zukunft bedeuten könnte. Das Negativszenario sieht so aus, dass die KI bestimmt, wie Arbeitsabläufe funktionieren sollen und der Mensch diese nur noch ausführt. In vielen Bereichen könnte die KI den Menschen ersetzen, nicht nur bei Routinetätigkeiten. Das kann so weit gehen, dass die KI nicht nur den Wartungstechniker ersetzt – wobei ich derzeit für diesen Beruf mittelfristig sogar noch eine Aufwertung erwarte –, sondern auch den Onkologen. In den USA wird der bereits durch Watson, die KI von IBM, unterstützt und erhält Therapievorschläge für die Krebsbehandlung.

Welche Rolle spielt die menschliche Intuition?

Ich habe in der chemischen und der pharmazeutischen Industrie Anlagenführer getroffen, die am Klang eines Rumpelns erkennen, ob eine Wartung dringlich ist. Ingenieure nennen das »Popometer«. Der Begriff kommt aus der Automobilentwicklung. Ingenieure setzen sich in ein Auto und spüren dank ihrer langjährigen Erfahrung, wenn etwas falsch vibriert. Die menschliche Erfahrung kann nicht ohne Weiteres von einer KI abgedeckt werden.

Wie viel Zeit bleibt den Gewerkschaften noch, gestaltend umfassend einzugreifen?

Ein bis drei Jahre. Heute sind die Gestaltungsmöglichkeiten noch groß. Wenn sich das Zeitfenster aber schließt, gehen die Einflussmöglichkeiten für Gewerkschaften für Gute Arbeit gen null. Entscheidend ist, dass man versteht, dass heute das Thema KI wichtig ist, keinen Aufschub duldet. Die IG BCE hat das Thema frühzeitig aufgegriffen, wir arbeiten sehr eng zusammen.

Inwieweit wird KI von Unternehmen vorangetrieben, weil sie sich Effizienzeffekte erhoffen?

Es geht nicht nur um Effizienz, sondern auch um gänzlich neue Geschäftsmodelle. Die »Plattform Lernende Systeme« hat etwa eine Arbeitsgruppe zu Arbeit und Qualifizierung im Kontext von KI, aber auch eine Arbeitsgruppe zu neuen Geschäftsmodellen. Und es wird darum gehen, eine hinreichende Antwort darauf zu finden, wie die Kooperation zwischen Mensch und KI aussehen soll. Diese Frage wird man nicht nur philosophisch, sondern auch praktisch beantworten müssen.

Gibt es Beispiele für Fehlentwicklungen?

Der Onlinehändler Amazon hatte einige Zeit eine KI in der Personalverwaltung eingesetzt. Die hat man wieder eingemottet. Es waren zuletzt bestimmte Kandidaten gar nicht mehr in Betracht gezogen worden. Amazon hatte zuvor viele sehr gute männliche Absolventen aus technischen Fächern. Daraufhin hat die KI vorgeschlagen, weiterhin nur männliche Bewerber von Eliteuniversitäten wie Stanford einzustellen. Denn die KI war zu dem Schluss gekommen, dass bestimmte Universitäten eher künstlerisch ausgerichtet und damit weiblich seien – und hat Absolventinnen daraufhin herausgefiltert. Das Problem dahinter ist die sogenannte Blackbox, das undurchsichtige »Innenleben« der KI. Es ist daher enorm wichtig, neue KI zu entwickeln, die nicht über eine Blackbox verfügen.

Braucht es mehr Geld oder mehr Interesse, um das Thema KI in Deutschland voranzutreiben?

Beides, aber Fördermittel sollen ja von der Bundesregierung bereitgestellt werden. Das ist auch notwendig. Es muss aber auch ein arbeitspolitischer Dialog geführt würden, in den arbeitsrelevante Fragen frühzeitig mit aufgenommen werden. Wenn es um die Anwendung von KI in Industrie und Wirtschaft geht, finde ich, dass Deutschland gegenwärtig recht gut aufgestellt ist.