Interview
»Gerade jetzt ist nicht die Zeit für Pessimismus«

Die Corona-Krise ist ein Stresstest. Für unsere Gesellschaft, für unsere Wirtschaft – auch für die IG BCE. Gerade jetzt gilt es, alle 600 000 Mitglieder verlässlich durch alle Turbulenzen zu begleiten. Die IG BCE bündelt deshalb ihre Kräfte, um Beschäftigteninteressen zu sichern. Im Interview spricht der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis über Herausforderungen, vor denen unsere Branchen jetzt stehen, über politische Weichen, die jetzt gestellt werden müssen – und über die Bedeutung von Solidarität in dieser Zeit.

Michael Vassiliadis, IG-BCE-Vorsitzender

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE

Foto: © Helge Krückeberg

Michael, was bedeutet die Corona-Krise für die IG BCE?

Gegenwärtig befindet sich unser Land, befinden sich Europa und weite Teile der Welt in einem absoluten Ausnahmezustand. Seit dem Bestehen der Bundesrepublik wurden noch nie Maßnahmen ergriffen, die zu derartig tief greifenden Einschnitten in das öffentliche Leben und in Wirtschaftskreisläufe geführt hätten, wie die jetzt beschlossenen. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, die noch über Wochen, womöglich über Monate all unsere Kräfte fordern wird. Die Krise ist der denkbar größte Stresstest für all unsere Branchen und sorgt verständlicherweise für tiefe Verunsicherung bei unseren mehr als 600 000 Mitgliedern. Wir arbeiten derzeit mit Maximaldruck daran, unsere Mitglieder, unsere Betriebe und unsere Kollegen und Kolleginnen in den Bezirken bestmöglich durch diese Krise zu begleiten: mit maximaler Geschlossenheit, mit punktgenauer Beratung für unsere Betriebsräte, mit intensivierter Rechtsberatung und mit maximalem Engagement in den großen politischen Entscheidungsprozessen, die maßgeblich über ein gelingendes Management dieser Krise entscheiden werden. Wir kämpfen jetzt entschlossener denn je dafür, dass die Menschen, dass unsere Mitglieder so sicher wie eben möglich durch diese herausfordernde Zeit kommen.

Wie bündelt die IG BCE ihre Kräfte?

Natürlich müssen wir als Organisation gerade jetzt stark sein. Deshalb schützen wir unsere eigenen IG-BCE-Beschäftigten bestmöglich vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus. Natürlich geht das vor Ort nur mit einer drastischen Einschränkung des Publikumsverkehrs. Dafür schaffen wir ge-rade neue Wege und Schnittstellen, um für unsere Mitglieder und die Aktiven in den Betrieben gewohnt schnell und zuverlässig erreichbar zu sein. Um das zu erreichen, haben wir zu den jetzt zentralen Themen Taskforces gebildet, etwa zu Kurzarbeit und Tarif, zu Rechtsberatung und zu spezifischen Problemstellungen in unseren Branchen. Auch unsere Kommunikation verstärken wir, um schneller neue Entwicklungen kommunizieren und Fragen unserer Mitglieder beantworten zu können.

Welche Forderungen wird die IG BCE jetzt in die politischen Prozesse einbringen?

Oberste Priorität hat für uns natürlich Sicherheit für unsere Beschäftigten. Viele Unternehmen werden Kurzarbeit anmelden. Einbußen, die Kolleginnen und Kollegen daraus erwachsen, müssen überschaubar bleiben. Die IG BCE hat in ihren Branchen mit guten Tarifverträgen – etwa in der Chemie- und der Papierbranche – erreicht, dass das gesetzliche Kurzarbeitergeld aufgestockt und die Entgeltlücke spürbar gemildert wird. Wo immer die wirtschaftliche Situation das künftig zulässt, werden wir uns für eine solche Aufstockung auch in der Krise stark-machen. So wollen wir erreichen, dass ein Teil der jetzt von der Bundesregierung verabschiedeten Entlastungsmaßnahmen für die Unternehmen, ganz unmittelbar den Beschäftigten zugutekommt. Politisch ist jetzt vor allem Umsicht gefragt. Wir müssen jetzt im großen, gesamtwirtschaftlichen Maßstab denken, müssen, wie der Bundesfinanzminister richtig sagt, ›klotzen und nicht kleckern‹. Dabei müssen wir vor allem an die Beschäftigten denken, die auch in der Krise ihre Rechnungen bezahlen müssen. Auch ihnen muss jetzt schnell und unbürokratisch unter die Arme gegriffen werden.

Welche längerfristigen Herausforderungen erwachsen aus der Krise?

Der Corona-Ausbruch in China hat uns auf beunruhigende Weise vor Augen geführt, wie fragil die Wirtschaftskreisläufe in einer globalisierten Welt sind. In der Pharmabranche – und nicht nur da – hängt ein Großteil der Produktion an Rohstoffen aus China und Indien. Die Pandemie hat die Lieferketten massiv unterbrochen. Zwar sichern sich die meisten Unternehmen durch den Rohstoffbezug aus mehreren Quellen und Einlagerung ab, aber das sind keine wasserdichten Strategien, um auch länger andauernde Krisen sicher überbrücken zu können. Wir lernen gerade, wohin die durch Kosten- und Wettbewerbsdruck getriebene Verlagerung angeblich unkritischer Produktionsbereiche geführt hat – nicht nur zur Vernichtung guter, tariflicher Arbeit, sondern auch zu einer Abhängigkeit, die den Wirtschaftsstandort Deutschland im Ernstfall nachhaltig beschädigt. In diesem Punkt werden wir hartnäckig bleiben, auch wenn die Krise vorüber ist: Wir müssen hinterfragen, welche Produktion wir womöglich ins eigene Land oder die EU zurückholen sollten. Nicht nur, weil das gute Arbeit schafft, sondern weil es für unser Land insgesamt die beste Zukunftsversicherung ist!

Wie können in dieser Zeit gewerkschaftliche Werte hilfreich sein?

Jetzt können wir deutlicher denn je zeigen, wie man Werte wie Solidarität lebt. Solidarität trägt und verbindet, sie gibt Kraft und Vertrauen in der Krise. Ich wünsche mir, dass jede und jeder, der sich unserer IG BCE verbunden fühlt, das als Haltung, als inneren Auftrag empfindet. Jetzt ist die Zeit, gut und umsichtig miteinander umzugehen. Jetzt sollten wir nicht in Panik oder Pessimismus verfallen, sondern uns gegenseitig helfen. Gesundheitlich, indem wir uns und unsere Mitmenschen vor dem Corona-Virus schützen. Als Kollegen, indem wir auch dann zusammenstehen, wenn tägliche Routinen infrage stehen und es gilt, den Betrieb aufrechtzuerhalten, ohne dass dabei Beschäftigteninte-ressen unter die Räder kommen. Als gute Nachbarn, indem wir schauen, wer jetzt unsere Unterstützung braucht. Es gibt unendlich viele, auch kleine Dinge, mit denen wir jetzt zeigen können, was uns als Menschen in der IG BCE verbindet und ausmacht. Unsere Werte sollten wir jetzt erst Recht mit Stolz leben. Denn es ist unsere Art, der Krise zu trotzen.